Morgengesichter


Mein alter Freund Axel erzählte mir vor kurzem die Geschichte, wie es bei ihm mit den Handys angefangen hatte: Seine Freundin gab ihm ihr altes Telefon, damit die Kinder ihn erreichen könnten. Das wurde früher oft gesagt, wir brauchen das Handy ja, damit man uns erreichen kann. Frauen brauchten es, damit sie Hilfe rufen konnten, falls sie mit dem Auto im dunklen Wald liegen blieben. Ich hatte weder Auto noch Kinder. Niemand versuchte, mich zu erreichen. Ich kaufte mir trotzdem ein Handy. Außerdem einen Vertrag von Viag Interkom. Die mit dem Haus. „Ist das Haus im Display, telefonierst du festnetzgünstig.“ Ich telefonierte gar nicht. Das war noch günstiger. Das Haus war selten im Display, weil das Netz nie da war, wo ich mich aufhielt. Als es mit Smartphones losging, war ich natürlich dabei. Erst Blackberry, dann iPhone. Es ging aber niemals darum, erreichbar zu sein.

Es ging immer darum, dass möglichst alles funktionierte. Das muss man eigentlich ohne Unterlass testen und wenn etwas nicht funktioniert, muss man herausfinden, warum nicht und es wieder zum laufen bringen. So gehen die Tage ins Land. Inzwischen bin ich auch nur noch sehr schwer erreichbar, weil ich selbst den Überblick über meine ganzen Telefonnummern verloren habe. Ich versuche es so einzurichten, dass möglichst alle Geräte klingeln, egal welche Nummer gewählt wird. Einschließlich Toaster und Staubsauger. Das gelingt aber nicht vollständig. Wenn aber doch mal jemand anruft, klingelt und vibriert es schon auf einer erklecklichen Anzahl von Geräten. Ich stehe dann wie paralysiert in der Mitte und weiß nicht, an welchem ich das Gespräch annehmen soll.

Am einfachsten wäre es auf der Smartwatch. Während ich aber überlege ob über Lautsprecher oder Ohrstöpsel ist das Gespräch schon auf der Mailbox. Aber auf welcher? So ein Anruf verursacht enormen Stress. Wenn ich die Smartwatch am Morgen umbinde, muss ich sie mit dem Telefon entsperren. Mein neues Telefon erkennt mich am Gesicht. Aber niemals morgens! Das ist wirklich krass! Wenn ich was von dem Telefon will, grinse ich es immer blöd an. Was, wenn diese Fotos gespeichert und irgendwann veröffentlicht werden? Wahrscheinlich werde ich bald eine Erpressermail mit unmöglichen Morgengesichtern bekommen, die an alle meine Adressbuchkontakte geschickt werden, wenn ich nicht zahle. Das ist mir aber egal. Solange sie mich nicht anrufen.

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