Vorbild werden

Mit der Sprache ist das immer so eine Sache. Man ringt um Worte und Begriffe und meistens kommt nur Murks dabei raus. So gab es zum Beispiel mal eine Zeit, da hat man ganz selbstverständlich von den Behinderten gesprochen. Vorausgesetzt, man gehörte selbst nicht dazu. Behinderte, das waren immer die anderen. Meine ersten Begegnungen mit Behinderten hatte ich in der Freizeitarbeit als Mitarbeiter und Organisierer von Gruppenreisen. Da hießen die Behinderten dann Teilnehmer. Einmal bin ich durcheinander gekommen, als wir eine Fahrt mit behinderten und nicht behinderten Teilnehmern hatten und ich nur die nichtbehinderten versammeln wollte, um etwas zu besprechen. Was sagt man da? Nur die ohne Ausweis?

Behinderte wohnten in Behindertenheimen. Am Anfang dieses Jahrtausends begann ich, für solche Heime zu arbeiten. Dann sollte man irgendwann besser nicht mehr „Behinderte“ sagen. Wir sagten „Bewohner“ und die Heime wurden zu Wohnstätten. Die Bewohner wurden dann ziemlich schnell zu Klienten und Klientinnen. Das war total modern - damals. Heute sagen wir „Leistungsberechtigte“ oder einfach LB. Interessant ist, dass es für solche Sprachregelungen keine direkten Anweisungen gibt. Es ist eher wie ein interner Code, den man übernehmen muss, ob man nun will oder nicht. Genauso, wie man einmal im Jahr sein Passwort ändern muss. Sonst kann man sich nicht mehr anmelden. Man könnte auch versuchen vorauszusehen, was als nächstes kommt. Aber das ist sehr schwer. Auf „Leistungsberechtigte“ wäre ich nicht gekommen. Ich selbst fände „Außerirdische“ nicht schlecht.

Das Ding ist, dass es egal ist, welche Worte man sich ausdenkt. Es führt einfach nicht zu mehr Partizipation, wenn versucht, sich begrifflich voneinander abzugrenzen. Das Gegenteil ist der Fall, wie auch immer man zueinander sagen will. Es ist richtig, dass sich auch die Sprache verändern muss, wenn sich die Gesellschaft verändern soll, aber die Sprache allein macht es eben nicht. Solange wir die sind, die irgendetwas machen und die anderen die, für die es gemacht wird, ändert sich auch nichts. Erst wenn die anderen zu „Teilhabern“ werden - ihrer eigenen Sache übrigens -, wird sich auch etwas bewegen. Die Frage ist, ob sie das in der Mehrheit überhaupt wollen. Wir sind schließlich selbst keine guten Vorbilder, denn wir sind die Bürger und die Politiker sollen gefälligst gute Politik für uns machen. Das können sie aber gar nicht. Das könnten wir nur selbst. „Politik“ war auch mal so ein neues Wort - vergleichbar mit der öffentlichen Sache, der „res publika“. Worte sind sehr mächtig. Aber Worte allein verändern eben nichts - wenn sie nicht vom Herzen kommen.

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