Storyteller

Wenn Menschen in der Öffentlichkeit ihr Telefon vors Gesicht halten und mehr oder weniger leise hineinsprechen, nehmen sie dann eine Sprachnachricht auf oder nutzen sie die Diktierfunktion? Ich glaube, es ist meistens eine Sprachnachricht, denn zum diktieren müssten sie den Text kontrollieren und gelegentlich korrigieren. Das beobachte ich aber fast nie. Ich selbst habe noch nie eine Sprachnachricht verfasst. Es wäre aber nur konsequent, auch diese Möglichkeit zu nutzen, denn längst haben die Textnachrichten das Telefonat ersetzt. Ich rufe eigentlich nur noch an, wenn das Texten zu kompliziert wird, weil man sich in gegenseitigen Missverständnissen heillos verstrickt. Die Sprachnachricht würde hier viel besser ins Programm passen. Ich bin dafür, dass sich die Sprachnachricht gegen die Textnachricht behauptet, denn die Unfallgefahr durch den aufs Display gerichteten Blick würde deutlich sinken.

Aber wer weiß schon, welche Entwicklung sich am Ende durchsetzt? Und wer beeinflusst es? Und wie? Ich habe keine Ahnung. Mir kommt das aber alles sehr entgegen. Ich bin in einem Alter, in dem man sich für Haltegriffe für die Badewanne interessiert. Zum Lesen brauche ich eine Brille, die nicht immer greifbar ist. Darüber hinaus öffnet die Sprachnachricht die Nachrichtenwelt auch für Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Wir sollten wirklich dabei mitmachen, denn vielleicht fängt es mit WhatsApp-Sprachnachrichten an. Aber dann gewöhnen sich vielleicht nach und nach alle Briefschreiber daran, eine gesprochene Version mitzuschicken. Wer weiß das schon?!

Wer weiß schon, was als nächstes kommt? Bleibt es bei Nachrichten? Die Geschichtenerzähler saßen an Lagerfeuern und hatten keine Textversion ihrer Geschichten. Ich habe mal eine Zeitlang eine Audioversion dieser Texte gelesen, aufgenommen und mit veröffentlicht. „Die Zeit“ höre ich mir nur noch als Audio-Ausgabe an. Aber das sind alles Texte, oft auch Geschichten, die vorgelesen werden. Dafür muss man sie erst mal aufschreiben. So sind sie entstanden. Eine erzählte Geschichte entsteht anders, als ein geschriebener Text. Man braucht dafür Zuhörer und eine Verbindung zu ihnen. Wer weiß schon, was schließlich aus den Sprachnachrichten wird? Vielleicht werden Geschichten daraus. Erzählte, nicht geschriebene Geschichten, die wir dann teilen oder an unseren Lagerfeuern weitererzählen. Aus allen Sprachnachrichten (wo sind sie gespeichert?) wird die Geschichte der Menschen des 21. Jahrhunderts. Vielleicht eine traurige Geschichte. Vielleicht aber auch eine lustige und komische. Wir sind alle Storyteller. Worauf warten wir noch? Fangen wir an!

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