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Volle Möhre

Es heißt ja, Sitzen ist das neue Rauchen. Das trifft die Sache aber nicht, ja es streift sie nicht mal. Schließlich belästige ich niemanden durch Sitzen, es sei denn, ich sitze auf seinem Platz oder gar auf seinem Schoß. Das ist aber ein anderes Problem. Raucher haben mich früher auch nicht belästigt. Das lag höchstwahrscheinlich daran, dass ich selbst Raucher war. Heute fühle ich mich schon beeinträchtigt, wenn ich durch das geschlossene Fenster in zwanzig Meter Entfernung einen Raucher sehe. Oder eine Raucherin. Sehe ich jemanden sitzen, bleibe ich ganz ruhig. Wenn er dabei nicht raucht. Oder isst. Essen ist das neue Rauchen! In öffentlichen Verkehrsmitteln muss insbesondere der Verzehr von rohen Mohrrüben unterbunden werden. Die Zukunft dieses Landes hängt davon ab! Ich fuhr nur eine Station aber der einzige Möhrenknusperer des Landkreises war im Zug und setzte sich mir gegenüber. Dann holte er sie raus. Rot und schrumplig, natürlich Bio. Er trug eine Wollmütze und eine Brille, biß ein Stück ab, kaute und schaute. Schaute und kaute und biß ein Stück ab. Ich schwitzte. Jetzt das letzte Stück. Kauen und schauen. Nach rechts. Nach links. Nach unten. Er hatte einen Beutel, in den er jetzt hineinglotzte und darin kramte. Hinaus beförderte er eine weitere Mohrrübe, über die er sich sofort geräuschvoll hermachte. 

Knusper, knusper, knäuschen... Ich weiß, dass ich kein friedfertiger Mensch bin. Aber ich habe noch nie einen gehauen. Außer einmal. Da hatte ich an einem ersten Mai Dienst als Aufsicht auf dem Bahnhof Hennigsdorf. Meine Eltern kamen und besuchten mich. Als sie gerade gehen wollten, wurden sie Zeuge, wie mich ein Betrunkener anmachte. Mein Mutter machte kehrt und schlug mit ihrer Handtasche auf den Mann ein. Ich bekam Mut und bearbeitete das Subjekt mit den Fäusten. Ich schrie: „Das ist ein Anschlag auf die Deutsche Reichsbahn!“ Dann kam mein Vater noch dazu und machte auch noch mit. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was der Mann mit mir gemacht hatte, das alle so außer Kontrolle gerieten. Aber das war das einzige Mal. Einmal ist keinmal. 

Jetzt saß mir der Möhrenmann gegenüber. Eine Stimme in meinem Kopf sagte mit bayrischem Akzent: „Jetzt lass ihn doch sitzen, den alten Deppen. Wem schadt’ er denn? Nix“ grollte ich, „alle schaden’s, die alten und die jungen Deppen! Freiheit, Wecker!! Du sollst keine Angst haben, vor nix und Niemand!“ Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich stellte mir vor, wie ich ihn in den Gang forderte, ihm Brille und Mütze abnehmen würde. Und dann: Volle Möhre...

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