In den Köpfen

Da die Mauer nun genauso lange nicht mehr steht, wie sie gestanden hat, schien es an der Zeit, mal wieder nach Westberlin zu fahren. In den ersten Jahren nach 1989 muss ich öfter dort gewesen sein, aber mit der Zeit haben die Besuche nachgelassen und schließlich ganz aufgehört. Jetzt hatte ich Mühe, vom Bahnhof Zoologischer Garten aus eine bekannte Straße zu finden. Als es mir schließlich gelungen war, gingen die Probleme los. Ich wurde von Touristen ausgefragt, wo denn diese oder jene Sehenswürdigkeit zu finden sei. Ich muss ausgesehen haben, wie der vertrauenswürdigste Westberliner. Wo ist C&A? Wie kommen wir zum KaDeWe? Ja, woher soll ich das wissen? Ich bin auch nicht von hier! 

Westberlin ist eine fremde Stadt, in der ich mich nicht auskenne. Irgendwo muss ich noch einen Falk-Plan haben, den patentgefalteten Stadtplan. Ein Must-have für den Großstadtnomaden. 1990 absolvierte ich ein Praktikum in Potsdam. Ich wohnte in Weißensee. Jeden Tag fuhr ich über Berlin-Friedrichstraße nach Westberlin hinein und am Grenzübergang Drewitz wieder hinaus. Mein blauer DDR-Reisepass ist auf neun Seiten zugestempelt. Ab Oktober 1991 fuhr ich dann täglich nach Lichterfelde-West in die Evangelische Fachhochschule. Vor 1989 war Westberlin für mich nur ein Wort. Obwohl sich Hennigsdorf an der Grenze zu Westberlin befand, kam man normalerweise nicht in ihre Sichtweite. Tante Hannelore wohnte dort, aber zu uns kam sie meistens durch den Tränenpalast am Bahnhof Berlin Friedrichstraße. Auch von dort aus war dieses Westberlin nicht zu sehen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie man nach Westberlin hineinkommen könnte. 

Es war ein bisschen wie das Gleis 9 3/4 auf dem Bahnhof Kings Cross in London. Vielleicht hat sich ja Axel Springer diese ganze Westberlin-Geschichte nur ausgedacht. Beim Gleis 9 3/4 hat sich am Ende herausgestellt, dass zwischen den Gleisen 9 und 10 in Kings Cross gar keine Mauer war, hinter der sich 9 3/4 hätte verbergen können. Hat sich die Rowling alles ausgesponnen. Als dann die Filme gemacht wurden, mussten sie die Gleise 4 und 5 umnummerieren, damit das mit der Mauer hinhaute. Es war aber nicht Axel Springer. Honnecker hat sich Westberlin mitsamt der Mauer ausgedacht. Ulbricht hat das immer gewusst („Niemand hat die Absicht...“)! 89 ist die ganze Sache dann aufgeflogen, als sich herausstellte, dass die Mauer nur in den Köpfen der Menschen war. Aber was heißt hier „nur“?! 

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