Was zu hoffen bleibt

Das Kurzzeitgedächtnis scheint ein bisschen angeschlagen. Alles, was ich mir nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Das wäre nun nicht weiter schlimm, verschwände es dort auf Nimmerwiedersehen. Aber es kommt wieder raus, und zwar meistens nachts. Da kann ich es aber nicht gebrauchen. Ich habe wichtige Informationen für meine Kollegin, gleich werde ich sie sehen und kann alles loswerden. Sie kommt herein, ich freue mich - und weiß nicht mehr, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Kein Problem, ich gehe noch mal die Treppe hoch und wieder runter - ja, da ist es wieder! Also nicht das, was ich eigentlich sagen wollte, aber etwas anderes, Wichtiges. Ich eile ins Büro - weg. Gähnende Leere. Nebelbänke. Mir bleibt nichts weiter übrig, als der Kollegin zu sagen, es gäbe eben sehr, sehr, ja geradezu existenziell wichtige Informationen. Da müsse sie nun aber allein drauf kommen, ich könne ihr nicht helfen. Was ich nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Und es verschwindet schnell. Ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie es wieder weg ist. Eben war da noch der Gedanke: Wir müssen jemanden anrufen oder irgendwas anderes erledigen. Ich zücke den Notizblock - ja, wen anrufen und warum? Was erledigen und bis wann? Ich habe keine Ahnung. Die Informationen verschwinden immer schneller. Dabei fällt mir auf, dass ich mir die falsche Uhr gekauft habe. Es müsste doch eine Uhr geben, die man sich an die Schläfe halten kann, wenn ein Gedanke da ist. Dann piept das Telefon, und der Gedanke ist aufgeschrieben. Professor Dumbledore konnte sich mit seinem Zauberstab Erinnerungen aus dem Kopf ziehen, und sie für später aufbewahren. Das muss ein wunderbares Gefühl sein. 

Das Vergessen ist eine feine Sache. Wir wären alle verrückt, -also noch viel verrückter, als ich- wenn es das Vergessen nicht gäbe.  Man müsste nur noch selbst entscheiden können, ob und wann man wieder auf das Vergessene zugreifen will. Zurzeit entscheidet darüber noch das Vergessene. Es meldet sich zu den unpassendsten Zeiten und stiehlt einem die Gegenwart. Gedankenverloren gieße ich heißes Wasser über den Salat und Dressing über die Ingwer-Teebeutel. Man soll viel trinken in dieser Erkältungszeit. Die Schlüsselfrage aber lautet: Wie kriegt man die Gedanken aus dem eigenen Kopf. Leer werden. Nichts denken. Einfach morgen weitermachen. 

Menschen mit Großhirnrinden sind bemitleidenswerte Geschöpfe. Ein Fisch, ein Vogel, der Koala, das Faultier - sie alle kennen diese Quälerei mit dem Denken nicht. Sie leben im Paradies. Das wäre jedenfalls das, was zu hoffen bleibt. 

02.11.2016

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