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Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiellen Grundlagen unserer sozial-emotionalen Ausstattung haben sich seit mehr als 100.000 Jahren nicht mehr verändert. Für die Entwicklung von lebendigen Strukturen ist das auch eine kurze Zeit, aber für die Entwicklung von Kulturen sind 100.000 Jahre ziemlich viel. Die Angst vor fremden Individuen und Gruppen war einmal sinnvoll, denn aggressives Verhalten sicherte das Überleben in weiten Räumen mit begrenzten Ressourcen. In einer überfüllten Straßenbahn kommt diese Angst möglicherweise auch wieder, wenn ein fremd aussehender Mann laut auf arabisch telefoniert und sich drei andere in einer Sprache unterhalten, die man vielleicht noch nie gehört hat. Aber jetzt laut zu schreien und vielleicht mit einer Keule zuzuschlagen wäre für die Situation ganz sicher nicht förderlich und hätte für das Überleben der eigenen Gruppe auch keine positiven Folgen. Wir können uns beherrschen, wenn wir das Gefühl bei uns kennen, es durchschauen können und der Verstand sagt: Es wird dir nichts geschehen.

Es heißt, dass einmal ein Kind geboren wird, das alle diese Begrenzungen und Behinderungen hinter sich lässt. Ein neuer Mensch, der sich selbst und den anderen nur noch mit Liebe begegnet und der in der Lage ist, über die Instinkte aus der alten Welt zu herrschen, der er auch ja entstammt und angehört. Es ist diese Geschichte vom Advent, die mich angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt zu trösten vermag. Diese Geschichte und die Zeichen dafür, dass sie wahr ist. Nach diesen Zeichen bin ich auf der Suche und ich sammle sie. Und falls mich einer fragt: Ja, ich glaube.

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