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Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf und lächelte fein. Meinem Vater hingegen gefielen Stück und die Darbietung nicht. Es sähe aus, wie eine Übungsstunde. 

Dann fiel ihm ein, dass er von der Oma ein Album voller Schallplatten mit klassischer Musik geerbt hätte. Er holte es hervor. Es enthielt alle Folgen von „Willy Schwabes Rumpelkammer“ auf feinstem Vinyl. Er legte die erste Folge auf und es erklang „Jawoll meine Herrn“, dargeboten von Theo Lingen und Heinz Rühmann. Seine Laune besserte sich signifikant und wir frühstückten fröhlich zu Ende. Ich erinnerte mich daran, wie ich Hitparade spielte, wenn ich aus der Schule kam und niemand zu Hause war. Ich legte die Pösnecker Musikanten auf und moderierte Minuten lang „Du, du liegst mir Herzen“ an. Von meinem Entertainer-Talent weiß bis heute kaum jemand etwas. Ich pflegte es nur wenn ich allein war. Diese Zeit war knapp bemessen, darum nutzte ich auch die Sitzungen auf der Toilette. Vom Klopapier las ich meistens den Abspann wie Dieter-Thomas Heck. Nur einmal habe ich mich geoutet, als ich vor meinen Eltern und den Nachbarskindern Roger und Roland eine komplette Dalli-Dalli-Folge aufführte. Ich hatte sie wochenlang akribisch vorbereitet. Eltern und Kinder waren die Kandidaten-Teams. Ich war Hans Rosenthal und Peter Alexander als Stargast. Ich weiß nicht, ob ich ähnlichen Gleichmut wie meine Eltern bewahren könnte, wenn meine Nichten eine Folge GNTM zelebrieren würden.

Inzwischen habe ich zur angemessenen Dekoration der Wohnung wenigstens eine Kerze gefunden. Ich könnte sie anzünden, wenn ich jetzt auch noch ein funktionierendes Feuerzeug fände. Ach ja, der Advent. Was für eine schöne und aufregende Zeit!

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