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Es werden Posts vom Dezember, 2017 angezeigt.

Der glücklichste Mensch unter der Sonne

Ich hatte einmal mein eigenes Büro. Darin konnte ich machen, was ich wollte: rauchen, aus dem Fenster gucken, telefonieren, Besuch empfangen - kurz, was man eben so alles „arbeiten“ nennt. Eigentlich fehlte nur ein Schild mit meinem Namen drauf. Mein Chef war der Meinung, darum müsste ich mich schon selbst kümmern. Damit war ich nicht einverstanden, denn was ich selbst auf ein Schild schreibe ist die eine Sache, aber was mein Chef darauf schreibt, eine ganz andere. So kam es, dass es kein Schild gab. Aber das war wirklich das Einzige, was fehlte. Sonst hatte ich alles - dachte ich. Dann musste mein Chef aus seinem Büro ausziehen, zog in meines ein und ich hatte keins mehr. Immerhin hatte ich noch einen Musikraum, in dem ich einen Schreibtisch und einen Aktenschrank stellte.

Irgendwann gab ich auch den Musikraum auf. Weshalb ich das tat, weiß ich heute nicht mehr. Aus irgendeinem Grund zog ich es vor, keinen Raum mehr zu haben, für den ich selbst und allein verantwortlich war. Ich be…

Kopfrum

Manchmal muss man die Welt ein bißchen auf den Kopf stellen. Dann gehe ich morgens einkaufen und belade meinen Einkaufswagen, bis nichts mehr hineinpasst. An der Kasse ist es sehr voll. Ich muss lange anstehen. Ich lege jeden einzelnen Artikel auf das Band, denn ich habe nichts zu verschenken. Als ich endlich dran bin, scannt die Kassiererin und scannt und scannt. Manchmal muss sie etwas von Hand eintippen. Dabei kaut sie Kaugummi. Dann ist sie fertig und ruft triumphierend: Hundertfünfundsechszig fünfundsiebzig. Ich öffne mein Portemonnaie. Die Kasse springt auf und die Kassiererin zählt mir das Geld hin. Ich stecke es ein und bringe meinen Einkauf nach Hause. Je mehr man einkaufen kann, desto mehr Geld bekommt man. Ich schaffe nicht immer so viel. Ich habe auch nicht so viel Platz zu Hause und kenne nicht viele, die mir etwas von den Einkäufen abnehmen würden. Natürlich nicht für umsonst. Manche gehen aber mehrmals täglich einkaufen und haben Geld wie Heu. Keine Ahnung, wie sie das…

Was zu hoffen bleibt

Das Kurzzeitgedächtnis scheint ein bisschen angeschlagen. Alles, was ich mir nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Das wäre nun nicht weiter schlimm, verschwände es dort auf Nimmerwiedersehen. Aber es kommt wieder raus, und zwar meistens nachts. Da kann ich es aber nicht gebrauchen. Ich habe wichtige Informationen für meine Kollegin, gleich werde ich sie sehen und kann alles loswerden. Sie kommt herein, ich freue mich - und weiß nicht mehr, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte. Kein Problem, ich gehe noch mal die Treppe hoch und wieder runter - ja, da ist es wieder! Also nicht das, was ich eigentlich sagen wollte, aber etwas anderes, Wichtiges. Ich eile ins Büro - weg. Gähnende Leere. Nebelbänke. Mir bleibt nichts weiter übrig, als der Kollegin zu sagen, es gäbe eben sehr, sehr, ja geradezu existenziell wichtige Informationen. Da müsse sie nun aber allein drauf kommen, ich könne ihr nicht helfen. Was ich nicht aufschreibe, verschwindet im Nebel. Und es verschwindet schnell. Ic…

Wer ist B. Traven?

Was man bis heute nicht geschafft hat, schafft man bis zum Jahresende auch nicht mehr. Es gibt also keinen Grund für Hektik. Ich wollte zum Beispiel wieder ein kleines Buch machen, das ich als Weihnachtsgeschenk einwickeln kann. Ich habe es nicht geschafft. Das ist aber auch gar nicht notwendig, denn es gibt eine Vielzahl von Büchern, die andere schon geschrieben haben und die man genauso gut einwickeln und verschenken kann. Ich brauche mir auch gar keine Mühe damit zu geben, zu bemerken, dass das Buch diesmal nicht von mir ist. „Ja, Ja…“ Es wird verschmitzt gelächelt und das Geschenk wechselt den Besitzer. Da ich in den letzten Jahren nur Bücher von mir verschenkt habe, glaubt mir jetzt keiner mehr, dass ich auch fremde Bücher verschenken kann. Dass ein fremder Autor draufsteht irritiert niemanden, auf meinem ersten Buch stand ja auch nicht, dass es von mir war. B. Traven hat zeitlebens unter Pseudonym geschrieben. Die wahre Identität B. Travens ist bis heute umstritten. Würde ich b…

Doch Weihnachten

Bild
Eigentlich wollte ich gestern noch mal einkaufen. Ich saß beim Frühstück und öffnete mein Türchen für den 23.12. Meine Therapeutin, die auch meine Freundin ist, hatte mir einen digitalen Adventskalender gebastelt und hinter dem Türchen das Weihnachtsoratorium im Leipziger WG-Konzert versteckt. Ich kannte es noch nicht, sah bloß die Dauer von 52 Minuten und wollte es eigentlich nicht anmachen. Dann habe ich es aber doch geklickt und Weihnachten begann einen Tag früher. Ich wurde um das endzeitliche Gedränge im vorweihnachtlichen Lebensmitteldiscounter gebracht aber ich jauchzte und frohlockte 52 Minuten lang und ich tue es immer noch. Vor fünf Jahren wollte ein Leipziger Musikstudent seinen Abschied feiern und hatte die Idee, das Weihnachtsoratorium in seiner WG aufzuführen. An die achtzig junge Menschen drängeln sich in der 3-Zimmer-Altbauwohnung und machen mit großer Leichtigkeit große Musik. Warum sind wir eigentlich so verzagt? Ich weiß es gar nicht mehr. Zugegeben, vor fünf Jahren…

Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es sch…

Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf …

Nur eins ist geblieben

Die Lieferdienste haben es auch nicht leicht. Erpressungen, Drohungen und nicht zuletzt die Kunden! Wenn die ganzen Kunden nicht wären, könnte so ein Lieferdienst ganz in Ruhe seine Arbeit machen. Nur wegen der Kunden entsteht der ganze Stress. Das ist eigentlich in der ganzen Arbeitswelt so. Im Krankenhaus stören die Patienten, bei Versicherungen die Versicherten und im Einzelhandel auch wieder die Kunden. Alle wollen sie irgendwas und dann immer das Falsche zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Lauf der Welt und leider nicht zu ändern. Ich habe mir zum Weihnachtsfest ein neues Wohnzimmerradio bestellt. Der Verkäufer wusste, wie er mit Kunden umgehen muss und schickte es sofort los, damit er seine Ruhe hat und sein Geld behalten kann. Dann kam der Lieferdienst ins Spiel. Diesmal war es DPD. Ich bekam eine Email mit einem Knopf zur Paketverfolgung. Die verlinkte Internetseite nannte mir den Tag und sogar die Stunde, wann das Paket zugestellt würde.

Auf der Seite gab es wiederum ein Kn…

Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiel…

Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil …