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Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr Auslöser war: Angst. Es ist nun nicht so, dass uns die Angst verloren gegangen wäre. In Deutschland ist die Angst geradezu zu Hause. Nur wovor wir uns ängstigen ist etwas ganz anderes als das, was das Mönchlein vor 500 Jahren umtrieb. Wir haben Angst vor Terrorismus, vor politischem Extremismus, vor Ausländern, vor der Finanzkrise, vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln, vor noch mehr Asylbewerbern und vor Naturkatastrophen. Das wir an unserer Seele Schaden nehmen könnten, befürchtet den öffentlichen Umfragen zufolge niemand mehr. Dessen ungeachtet nehmen die Diagnosen seelischer Störungen ständig zu. Aber niemand fürchtet sich mehr davor, im Jüngsten Gericht vor seinem Schöpfer nicht zu bestehen oder sein Leben nicht verantworten zu können.

Wir ängstigen uns vor dem Falschen. Ich auch! Die größte Angst, die mich umtreibt und die hinter den oben genannten sieben größten Ängsten steht, ist die Angst, dass ich mein Leben verändern und auf Bequemlichkeiten und Gewohnheiten verzichten müsste und Angst vor Veränderung lässt nun mal keine Veränderung zu. Dagegen helfen auch keine Warnungen an die Menschheit, seien sie nun von 10 oder von 10.000 oder 100.000 Forschern unterschrieben. Hätte man den Menschen von vor 500 Jahren gesagt, sie sollen nur noch zum Kochen Holz verbrennen, hätten sie verständnislos geguckt. Wozu denn sonst noch? Wenn heute meine Heizung ausfällt, ist das eine Katastrophe und vierundzwanzig Stunden ohne Strom sind gar nicht vorstellbar. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Gar nicht, es sei denn, geschenkt. Diese Erkenntnis sollte reichen, das eigene Leben zu verändern. Wer‘s glaubt!

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