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Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Computer wahrnehmen.

Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns bewegen. Manche Menschen bewegen sich so, andere anders. Das ist Musik. Tiere bewegen sich und Bäume auch und das Gras. Der ganze Planet bewegt sich und auch die anderen Planeten und ihre Monde. Das Sonnensystem ist in Bewegung und das Sternsystem auch. Der ganze Kosmos bewegt sich. In der pythagoreischen Kosmologie der Antike taucht das Konzept der Himmelsharmonie zum ersten Mal auf. Demnach erzeugt jeder Himmelskörper einen Ton, je nachdem wie schnell er sich bewegt und in welchem Abstand er sich zur Weltmitte befindet. Wir hören die Klänge der Himmelsharmonie aus demselben Grunde nicht, weswegen wir die Luft nicht wahrnehmen, die wir atmen: Man benötigt die Erfahrung der Abwesenheit von Etwas, um es bewusst wahrnehmen zu können.

So ist das eben mit Segen und Fluch neuer Erfindungen. Machten die Tonträger die Musik einerseits zum Allgemeingut, wird ihre ständige Verfügbarkeit und ihr unaufhörliches Vorhandensein schließlich dazu führen, dass wir sie nicht mehr hören können. Es wird vielleicht eine neue Form von Taubheit und Blindheit entstehen, die auf der Dauerbestrahlung mit Klängen und Bildern beruht. Dass wir die Sphärenmusik nicht hören können, sollte uns zumindest nachdenklich machen. Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht. In der modernen Physik gewinnt das uralte Konzept mit der Superstringtheorie jedoch wieder an Aktualität. Der Physiker Brian Greene meint, der ganze Kosmos sei „nichts als Musik“. Die Menschen haben es immerhin geschafft, ein bisschen davon hörbar zum machen. Sie schaffen auch wieder das Gegenteil. Das muss aber nicht sein. Denn überall ist ein Knopf dran.
Aus.

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