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Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen konnte: zählen, aufteilen, einnehmen, ausgeben, es auf eine unendliche Reise schicken. Die Reise des Geldes endet niemals. Ich bekam es von den Mitschülern, die es von ihren Eltern erhielten; deren geheimnisvolle Quellen lagen im Dunkeln. Ich brachte es dann schließlich zur Frau des Hausmeisters. Sie bezahlte damit das Essen, das in großen grünen Kübeln täglich geliefert wurde. Dann verlor sich die Spur des Geldes wieder. Fest stand allein, dass es immer weiter reiste.

Eigentlich war klar, dass ich Banker werden musste. Aber das Schicksal geht sonderbare Wege. Erst bekam ich die Zulassung zum Abitur wegen politischer Unzuverlässigkeit nicht. Dann stellte sich heraus, dass ich auch für eine Ausbildung ohne Abitur aufgrund einer Farbschwäche nicht geeignet war. So war meine Geschichte mit dem Geld beendet, bevor sie richtig begonnen hatte und ich blieb so arm, wie zuvor.

Heute könnte ich mit Geld wahrscheinlich eine ganze Menge machen. Vielleicht könnte ich mir ein Haus kaufen. Aber wozu? Ich müsste es instand halten und hätte wieder nichts als Arbeit. Selbst wenn ich nur von meinem Geld leben wollte, müsste ich es wahrscheinlich irgendwie anlegen und hätte einen Haufen Sorgen. Darum ist es besser, wenn man erst gar kein Geld hat. Denn wenn es erst einmal im Haus ist, wird man es nicht so schnell wieder los. Dann kommen Leute, die etwas davon abhaben wollen, man soll Steuern zahlen und was weiß ich nicht alles. Nichts als Scherereien hat man mit dem Geld. Hab ich ein Glück, dass ich keins habe!

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