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Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das Gerät entgegengenommen hätte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass ich einen Betreuer habe und bin dann auf die ungeheuerliche Tatsache gestoßen, dass wir in einem riesigen Netzwerk aus Betreuern und Betreuten leben. Jeder von uns hat einen Betreuer oder eine Betreuerin. Und diese Betreuerinnen und Betreuer haben auch wieder Betreuer und Betreuerinnen, die wiederum von Betreuerinnen und Betreuern betreut werden. Es ist einfach gigantisch. Damit die ganze Sache auch funktioniert, müssen diese Beziehungen und alle Aktivitäten natürlich geheim bleiben, denn wer lässt sich schon gern betreuen! Es handelt sich dabei um die sogenannte „Verdeckte Betreuung“. Wahrscheinlich ist die Geschichte auch deshalb aus allen denkbaren Medien verschwunden, weil sie eine zu große Entdeckungsgefahr darstellte. Auch mit diesem Text hier überschreite ich wieder eine Grenze.

Diesmal gehe ich aber noch einen Schritt weiter. Ich behaupte nämlich, dass es eine Person geben muss, die dieses gigantische Netzwerk kontrolliert. Am Anfang der vergangenen Woche dachte ich dabei noch an Steinmeier. Aber dann las ich ein Interview mit Gerhard Schröder. Ja, Schröder war es doch, der Steinmeier seinerzeit aus Brakelsiek in die große Stadt geholt hat! In dem Interview wusste Schröder einfach alles: wie die Sondierungen ausgehen, wie lange Trump noch an der Macht ist, wie man mit Erdogan umgehen muss und überhaupt. Aber dann hat er mich selbst auf die richtige Fährte gesetzt, als er über Putin gesprochen hat. Vor Putin muss man gar keine Angst haben, er ist der gute Hirte und alle tun ihm Unrecht. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wer die Welt eigentlich in seiner Hand hält. Und ich lächelte in meine PC-Kamera hinein, klappte den Deckel zu und ging beruhigt schlafen.

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