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Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enkelkind auf meiner Ofenbank sitzt und mir ehrfürchtig zusieht. Das mag daran liegen, dass ich keine Ofenbank besitze, was wiederum dem Zufall geschuldet ist, dass ich meine Wohnung noch nicht mit einem solchen quasi-antiken Accessoire beheize, vor das man eine Ofenbank stellen könnte. Das kann alles noch kommen. In meiner ersten eigenen Wohnung hatte ich einen Kachelofen. Ich hatte Kohlen im Keller und wenn ich morgens los musste, bevor ich die Ofentüre zumachen konnte, war die Wohnung am Abend kalt und auch nicht mehr vor dem Schlafengehen warm zu kriegen. Aber ich war damals noch nicht alt genug für einen Kachelofen. Ich zog in modernisierte Wohnungen, in denen ich es dann gar nicht mehr in der Hand hatte, ob es warm wurde oder nicht. Alles nicht wichtig.

Ich weiß jetzt nicht, ob Enkelkinder unbedingt zum alt-sein dazugehören. Wenn ja, habe ich auch das wieder vergeigt. Wenn nicht, habe ich mein Ziel inzwischen erreicht. Ich bin so alt wie ein Stein. Jedenfalls fühlt es sich meistens so an. Ich finde das super. Endlich! Die Kindheit kann bleiben, wo sie ist: in der Erinnerung. Da ist sie gut aufgehoben. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! In Wirklichkeit habe ich mich übrigens überhaupt nicht verändert. Es ist nur so, dass alle meine Mitkinder jetzt eben auch alt sind. Die haben mir auch damals schon zugehört, mich ernst genommen und mich hin und wieder mal was gefragt. Sie hatten nur selber nichts zu sagen und konnten nichts bewegen. Das ist jetzt anders. Und es fühlt sich toll an.

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