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Es werden Posts vom November, 2017 angezeigt.

Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enke…

Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Compu…

Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das…

Die Schildbürger

Vierhundert Kilometer über unseren Köpfen fliegen ständig sechs Menschen um die Erde herum. Sie bilden die Besatzung der Internationalen Raumstation. In zehn Kilometer Höhe sind es schon eine Million Menschen, die ständig gleichzeitig in der Luft sind. Sie sitzen in Flugzeugen und fliegen von irgendwo nach irgendwo. Genau genommen könnten sie also auch unten auf dem Boden bleiben, aber da laufen schon mehrere Milliarden herum. Wie viele davon ständig auf dem Wasser oder unter Wasser sind, weiß ich jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht so viele, wie die, die durch die Luft fliegen. Das ist äußerst erstaunlich, denn der Mensch ist eigentlich nicht für das durch die Luft fliegen gemacht. Er tut es trotzdem. Aber wer weiß, wie lange noch. Das Ende ist schon abzusehen. Schon in fünfzig Jahren wird man sich wahrscheinlich fragen, wie sie es damals fertiggekriegt haben, einen Flughafen zu bauen. Genau, wie wir heute nicht wissen, wie sie Pyramiden gebaut haben. Es ist ein Rätsel.

Man wird auch…

Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr A…

Schlüssel und Schloss

Alles hat seinen Ort und alles hat seine Bedeutung. Manchmal tun wir Dinge, die überhaupt nicht in die Situation passen, die wir oder die anderen gerade erleben. Eigentlich passiert uns das aber nur in früheren Phasen unserer Entwicklung. Als Erwachsene funktionieren wir so gut, dass wir uns adäquat verhalten können. Zum Beispiel singen wir nicht mitten in einer Sitzung plötzlich die Arie der Königin der Nacht. Grotesk wird es, wenn jemand nur noch zwei sehr hohe Töne aus dieser Arie singt, aber das immer wieder und ständig. Das ist auch nicht mehr sozialverträglich. Außerdem ist es nicht mehr als Teil dieser Arie zu erkennen, auch für den Sänger / die Sängerin nicht. Es ist ein großer Glücksfall, wenn es gelingt, das Verhalten und die passende Situation wieder zusammenzubringen. 
Ich habe noch eine Schul-Beurteilung in der steht, ich müsse noch lernen, meine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob ich es gelernt habe. Es ist ganz schön schwer, weil Situa…

Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestr…

Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen ko…

Immer näher

Die Pyramiden sind ein großes Rätsel. Wer hat sie gebaut und wie? Und vor allem warum? Keiner weiß was, nirgendwo steht was. Nur die Pyramiden sind da. Wie sich jetzt herausgestellt hat, sind sie aber hohl. Jedenfalls hohler, als man gedacht hat. Was hat das alles nur zu bedeuten? Ich habe jetzt durch jahrelanges Nachdenken herausgefunden, was es mit den Pyramiden auf sich hat. Es ist gar nicht so spektakulär und es hat auch nicht richtig funktioniert. Es war nämlich so: Vor sehr langer Zeit waren die Menschen auch schon ganz schön schlau. Sie sind eigentlich in der Zeit, in der sie in Zivilisationen und Kulturen leben überhaupt nicht schlauer geworden. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher. Wie dem auch sei, jedenfalls hatten die Menschen auch vor 10.000 Jahren schon eine Idee davon, dass sie auf einem kugeligen Planeten herumkriechen, der seine Energie von einem eher mittelgroßen Stern bekommt. Es ist nur die Frage, wie verbreitet diese Ideen waren. Man war vielleicht eher knause…

Die Stunde der Delfine

Die Zahnpasta ist alle. Schon seit einer Woche. Natürlich könnte ich einfach neue kaufen. Ich besuche zwei- bis dreimal in der Woche einen riesengroßen Einkaufsladen. Obwohl er bis 21:00 Uhr geöffnet hat, muss man sich ranhalten, weil man ihn aufgrund einer ausgeklügelten Logistik einmal ganz durchqueren muss, selbst, wenn man nur Zahnpasta kaufen will. Empfindsame Gemüter wie ich geraten dabei leicht in Stress, kaufen, was sie kriegen können und vergessen darüber die Zahnpasta. Dahinter steht natürlich planvolle Absicht, die bis in die Architektur der Zahnpastatube durchdacht ist. Denn wie oft kauft man schon Zahnpasta? Alle zwei Monate? Das hält kein Markt aus. Darum sind die Zahnpastatuben so konstruiert, dass sie auch, wenn sie leer zu sein scheinen, nicht leer sind. Man kriegt immer noch was raus! Ich stelle zwar jedes Mal fest, dass ich wieder die Zahnpasta vergessen habe, aber das macht gar nichts. Eine leere Bierflasche verhält sich nicht so.

Eigentlich ist das schade. Käme …

Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach…