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Wie wir alles verlieren

Zu den am häufigsten rezitierten Mantren unserer Gegenwart gehört das Mantra von der Abwechslung. Alles muss abwechslungsreich sein: Die Ernährung, die Bewegung, jede menschliche Tätigkeit, das Leben überhaupt. Ohne Abwechslung ist alles nichts. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das sogar glauben. Glücklicherweise habe ich aber schon in relativ jungen Jahren erfahren, dass nur die Wiederholung das leisten kann, was die Abwechslung immer verspricht. Wiederholung schafft Sicherheit, Sicherheit macht selbstbewusst und Selbstbewusstsein macht einen stark und widerstandsfähig. Seit ich das weiß, bin ich Anhänger von Ritualen und Strukturen. Abwechslung soll gegen Langeweile helfen. Das tut sie auch wirkungsvoll, wenn mit Langeweile die Fähigkeit gemeint ist, sich eine lange Weile ein und derselben Sache zuzuwenden. Wenn mit Langeweile sinnentleerte Zeit gemeint ist, macht die Abwechslung noch mehr davon. 
Ich hätte früher nie gedacht, dass es möglich ist, mit einem begrenzten Repertoire an Volksliedern Woche um Woche eine Stunde zuzubringen. Ich habe gedacht, man müsste jede Woche neues Material zur Verfügung haben, damit sich etwas Sinnvolles und Nützliches abspielt. Es ist aber gerade die Begrenztheit, die Entwicklung und Veränderung ermöglicht. Diese Begrenztheit ermöglicht ein immer besseres Kennenlernen des Gegenstandes und die wachsende Kenntnis ermöglicht den variablen und letztlich virtuosen Umgang damit. In einer Gruppe erlebt man noch jede Woche Überraschungen und neue Situationen, obwohl sich das Material im Grunde nicht ändert. Es sind allerdings schon sehr besondere Gruppen, in denen ich so etwas erlebe. Würde ich mit diesem Konzept vor eine Hauptschulklasse treten, wäre ich wahrscheinlich geliefert. Das Mantra von der Abwechslung hat eine ungeheure Kraft. Die Angst der Heutigen vor der Langeweile gleicht der Angst der Menschen am Vorabend der Reformation vor dem Fegefeuer. Nur keine Leere. Nur keine Stille. Nur nicht für sich sein. 
Zum Mantra von der Abwechslung gehört das Mantra vom Wachstum, denn immer neues Material braucht immer mehr Platz. Unendlich viel Speicherplatz für Bilder, unendlich viel Speicherplatz für Musik, unendlich viele Kunden, die unendlich viel Geld bezahlen. Gibt es noch irgendein Unternehmen, das mit Grenzen rechnet? Ja, das schon. Aber nur, wenn es darum geht, was uns Menschen kosten könnten, die an unserem Wohlstand teilhaben wollen. Denn teilen wollen wir nicht. „Teilen“ ist ein Knopf auf Facebook aber keine soziale Verhaltensweise. Wir wollen Wachstum und immer was Neues, möglichst täglich. Das Alte geben wir gerne weg und glauben dann, wir hätten etwas geteilt. Wenn wir großes Glück haben, bekommt es jemand, der es bewahrt. Wenn wir Pech haben verlieren wir alles und am Ende uns selbst. 

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