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Weit hergeholt

Was man nicht besitzt, kann man auch nicht verlieren. Andere Menschen kann man nicht besitzen. Das eigene Leben auch nicht. Trotzdem ist der Abschied von beidem ein schmerzhafter Prozess. Wieso eigentlich, wenn man doch gar nichts zu verlieren hat? Vielleicht, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat, dass es sich anfühlt wie ein Besitz. Gefühlter Besitz und Phantom-Schmerz. Wenn man das Letztere vermeiden will, muss man sich von Ersterem freimachen. Dass das notwendig ist, erkennt man an den besitzanzeigenden Fürwörtern, die allgemein gebräuchlich sind: meine Freundin, mein Mann, mein Kind, mein Leben.

Wer geglaubt hat, dass ich jetzt tief schürfend werde, kennt mich aber schlecht. Man kann halt nicht aus seiner Haut. Ich sage ja auch "meine Wohnung", obwohl ich Mieter bin. Das Besitzergreifende scheint uns eben im Blut zu liegen. Eine weitere offensichtliche Illusion ist "mein Arbeitsplatz". Als ob es da irgendeinen besitzmäßigen Zusammenhang gäbe. Soweit kommt es noch, dass man sich einen Arbeitsplatz kaufen kann. Den Eigentumsarbeitsplatz. Er ist vererbbar und steuerlich absetzbar. Einen Eigentumsarbeitsplatz erwirbt man natürlich nicht mit Geld sondern mit Zeit aus der Zeitsparbüchse. Entweder wendet man dafür sein Guthaben auf dem Arbeitszeitkonto auf („Minusstunden“) oder die eingesparten Stunden aus der Sommerzeit. Man kann auch beides kombinieren. Wenn ich so einen Eigentumsarbeitsplatz hätte, würde ich ihn gleich erst mal vermieten - gegen Minusstunden, die wiederum meinem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben würden. So könnte ich es nach einer Weile zu zwei bis drei Vollzeit-Eigentumsarbeitsplätzen bringen, ohne selbst auch nur eine Stunde in der Woche zu arbeiten. Raffiniert, was?

Es gibt allerdings Dinge, die ich sehr wohl zu verlieren habe. Seit einiger Zeit ist das meine Hose. Es handelt sich in diesem Fall tatsächlich um eine Eigentumshose, die ich besitze. Mir droht mithin ein realer Verlust. Ich verstehe das nicht. Ich kann sie mir bis unter die Achseln hochziehen und dort mit einem Gürtel festzurren - wenige Minuten später finden sich die Gesäßtaschen unterhalb der Kniekehlen. Das ist unangenehm und behindert einen beim Laufen. Ich bin noch nicht dahinter gekommen, wie das vor sich geht. Möglicherweise hängt es mit den Unterhosen zusammen. Sie sind vielleicht zu rutschig, der Hosenboden gleitet darauf ab. Eine andere Erklärung stammt von einer Arbeitskollegin, die so tat, als kenne sie sich mit Männerkörpern aus. Sie meinte, es hätte mit der Körperform ab einem gewissen Alter zu tun. Da könnten normale Hosen gar nicht mehr halten. Das scheint mir doch ganz schön weit hergeholt. Ich glaube eher, sie wollte ihre Umstandshosen an den Mann bringen.
(2014)

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