Sternengucker

Die Raumsonde Voyager 1 ist das am weitesten entfernte menschliche Artefakt. Man geht davon aus, dass sie inzwischen den Rand des Sonnensystems passiert hat und sich im interstellaren Raum befindet. Dort wird ihr demnächst die Energie für ihre wissenschaftlichen Gerätschaften ausgehen. In 40.000 Jahren wird sie dann nur noch 1,6 Lichtjahre von Gliese 445 entfernt sein. Gliese 445 ist ein roter Zwerg und zurzeit noch rund 17 Lichtjahre von uns entfernt. Er kommt aber mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu, so dass er in 40.000 Jahren nur noch 3,45 Lichtjahre entfernt ist. Wenn man also nur ein bisschen abwarten kann, kommt der Berg auch irgendwann zu Propheten. Oder, wenn man so will, der Zwerg zum Planeten. Aber Abwarten gehört hierzulande nicht zu den bekannten und geübten Kulturtechniken. Also haben wir vor 40 Jahren dieses arme Ding in den Weltraum geschossen, nur damit es irgendwann höchstwahrscheinlich im Nichts verschwindet. Aber das weiß man natürlich nicht! Wenn der Weltraum tatsächlich so gebogen und gekrümmt ist, kommt Voyager 1 vielleicht wie ein Bumerang irgendwann zurück und knallt uns gegen den Hinterkopf.

Gliese 445 gehört zum Sternbild Giraffe. Diese Konstellation zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr auch mit größter Phantasie keine Giraffe zu erkennen ist. Das Sternbild ist ganzjährig sichtbar, aber die meisten Sterne sind mit bloßem Auge nicht zu sehen. Daran erkennt man, dass die Benennung als Giraffe nicht aus der Epoche stammt, in der man sich den Himmel mit mythischen Wesen bevölkert vorstellte, sondern viel später entstand, als es darum ging, Regionen des sichtbaren Sternenhimmels von einander abzugrenzen. Der lateinische Name Camelopardalis zeigt wiederum nur, woher die Giraffe ihr geflecktes Fell hat. Der lange Hals scheint auch erst später entstanden zu sein, wahrscheinlich, weil das Tier in seinen frühen Entwicklungsjahren den Himmel vergeblich nach dem gleichnamigen Sternbild absuchte. Mit Wilhelm Gliese (1915-1993) hängt der rote Giraffenstern insofern zusammen, als Gliese am Astronomischen Rechen-Institut angestellt war und am Katalog naher Sterne mitgearbeitet hat, der 1969 erschien.

Vielleicht werden unsere Nachfahren in ferner Zukunft auch so lange Hälse haben, weil wir eben schon Sternengucker sind. Diejenigen von uns, die lange Zeit unter dicken, schweren Wolken leben, vergessen das manchmal und denken, es gibt nichts Wichtigeres als Uhren, Fluglinien und Dieselmotoren. Das ist aber Unsinn. Der unendliche Weltraum fängt ein paar Meter über unseren Köpfen an und was könnte zur Zeit wichtiger sein als Kürbissuppe?

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