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Kein Aufstand

Wegen der aggressiven Wildschweine ist es momentan zu gefährlich, in den Wald zu gehen. Außerdem könnte es passieren, dass einem ein Stück abgespaltenes Katalonien auf den Kopf fällt. Das muss man alles nicht haben. Das Leben ist so schon aufregend genug. Insgeheim bewundere ich die Katalanen natürlich für ihren Unabhängigkeitswillen. Bestünde das Volk der Katalanen überwiegend aus meinesgleichen, würden sie nicht weit kommen. Ich bin käuflich und in hohem Maße korrumpierbar. Meine Bequemlichkeit geht mir über alles. Meinem Gemüt nach hätte ich wahrscheinlich eher eine Pflanze oder noch besser ein Pilz werden sollen, als das, was ich nun mal bin. Leider kann man das nun nicht mehr ändern. Woher das mit der Bequemlichkeit kommt, ist schwer zu sagen. Ich vermute, es hängt mit meiner schweren Kindheit zusammen. Ich hatte schon zu einer Zeit Termine, als meine Altersgenossen genüsslich vor dem Fernseher herumlümmelten. Ich musste einen Kalender führen. Das war ein Accessoire, das üblicherweise nur die Erwachsenen besaßen. Es war ungefähr so, als ob ich in der zweiten Klasse mit dem Auto zur Schule gekommen wäre.
Nun muss ich meine verlorene Kindheit eben nachholen. Eigentlich ist das gar nicht so schlecht, weil ich jetzt natürlich viel mehr davon habe. Als Kind kann man es ja gar nicht erwarten, erwachsen zu werden und erlebt darum nicht viel von der ganzen Bequemlichkeit. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich inzwischen, dass es viel besser ist, den Spieß ein wenig umzudrehen. Ja, Kinder können die Bequemlichkeit noch gar nicht richtig genießen, darum wäre sie geradezu verschwendet. Lasst die Kinder Stress haben! Musikschule, Theatergruppe, Leistungssport. Das ist das Mindeste. Um so mehr werden sie den Frieden langer Winterabende genießen können, wenn sie nichts anderes machen müssen, als die geerbten Schallplatten zu sortieren.
Bequemlichkeit wurde auch mit dem kontaktlosen Bezahlen versprochen. Es sollte so bequem sein. Das war es auch in einem bestimmten Supermarkt. Man sagte „Karte“ oder auch nur „Rte“ und hielt seine Karte vor das Lesegerät. Dann piepte es und man konnte gehen. Dieser Supermarkt liegt leider nicht mehr auf meinem Weg. Ich müsste extra hinfahren. Auf dem Weg liegt ein anderer, bei dem sie mir meine Karte wegnehmen und wie die Barbaren in einen Schlitz stecken. Mir wird immer ganz schwarz vor Augen. Dann muss ich auch noch einen PIN eintippen. Warum machen die das? Die Kontaktlos-Technologie funktioniert dort auch. Ich glaube, es ist wegen der Unabhängigkeit. Die Verfassung des Supermarktes sieht es eben einfach nicht vor, dass ich selbst bezahle. Aber was soll’s? Darum mache ich doch keinen Aufstand.

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