Ich bleib dran

Wenn wir lieber und mehr zu Hause bleiben würden, gäbe es viele Probleme gar nicht. Es gäbe keinen Diesel-Skandal, keine kaputten Schulen und wahrscheinlich gäbe es auch keinen Krieg. Alle dieses Dinge sind nur entstanden, weil Menschen nicht stillsitzen können. Sie müssen herumturnen, Purzelbäume schlagen und schließlich wie Tischtennisbälle hin und her pendeln. Ich wollte damit Schluss machen. Einer für alle. Meine Wohnung ist groß genug für uns beide und auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln kann ich inzwischen organisieren, ohne das Haus zu verlassen. Ich wollte am Wochenende einen Testlauf starten. Ich kenne mich ein bisschen und weiß inzwischen, dass es nicht ganz ohne Zwangsmaßnahmen geht. Als ich am Freitag Abend nach Hause kam, schloss ich die Wohnungstür von innen ab und versteckte den Schlüssel an einem mir unbekannten Ort. Dann gab ich mich den üblichen Verrichtungen hin.

Am folgenden Morgen begann sich eine fixe Idee zu manifestieren: Seit Juni habe ich keinen Dauerlauf mehr gemacht. Wie wäre es, wenn ich es einfach einmal versuchte? Vielleicht zunächst im Schutze der Dunkelheit, weil ich noch sehr unsicher laufe und entgegenkommende Passanten sowieso nicht erkennen kann. Natürlich war mir sofort klar, dass ich ausgetrickst werden sollte. Wahrscheinlich steckte das bewegungsaffine Kleinhirn dahinter. Es gelang mir, diesen archaischen Hirnteil durch sorgfältig bemessene Mengen eines frei verkäuflichen Nervengiftes zunächst erfolgreich ruhig zu stellen. Die Idee verschwand wieder, zunächst vollständig, ohne dass ich versucht hätte, wegen des versteckten Schlüssels mit mir selbst Kontakt aufzunehmen.

Allerdings kehrte sie am nächsten Vormittag mit umso größerer Macht zurück. Ich begegnete mir zufällig in einem Augenblick, als ich die Wange sehnsüchtig gegen die kalte Fensterscheibe presste. Ob es draußen regnete oder nicht, war mir egal. Am Nachmittag hatte das Kleinhirn dann den versteckten Schlüssel gefunden. Das war höchst ungewöhnlich, den für gewöhnlich hat das Kleinhirn andere Aufgaben. Im Spiegel sah ich, dass ich meine Laufsachen an hatte. Was soll’s? Reisende soll man nicht aufhalten. Ich brach das Experiment ab und verließ meine Wohnung. Draußen atmete ich zum ersten Mal seit Freitag Abend Luft, die Sauerstoff in einer nennenswerten Konzentration enthielt. Ich rannte los. Nach fünf Minuten tat die linke Schulter weh. Nach sechs Minuten bekam ich Probleme beim atmen. Ich wechselte ins Schritttempo und ging noch ein paar Meter. Dann kehrte ich um.

Wie man sieht, ist es gar nicht so einfach, alte Gewohnheiten wieder loszuwerden. Aber was ist schon einfach? Ich bleib dran.

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