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Posts

Es werden Posts vom Oktober, 2017 angezeigt.

Sternengucker

Die Raumsonde Voyager 1 ist das am weitesten entfernte menschliche Artefakt. Man geht davon aus, dass sie inzwischen den Rand des Sonnensystems passiert hat und sich im interstellaren Raum befindet. Dort wird ihr demnächst die Energie für ihre wissenschaftlichen Gerätschaften ausgehen. In 40.000 Jahren wird sie dann nur noch 1,6 Lichtjahre von Gliese 445 entfernt sein. Gliese 445 ist ein roter Zwerg und zurzeit noch rund 17 Lichtjahre von uns entfernt. Er kommt aber mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu, so dass er in 40.000 Jahren nur noch 3,45 Lichtjahre entfernt ist. Wenn man also nur ein bisschen abwarten kann, kommt der Berg auch irgendwann zu Propheten. Oder, wenn man so will, der Zwerg zum Planeten. Aber Abwarten gehört hierzulande nicht zu den bekannten und geübten Kulturtechniken. Also haben wir vor 40 Jahren dieses arme Ding in den Weltraum geschossen, nur damit es irgendwann höchstwahrscheinlich im Nichts verschwindet. Aber das weiß man natürlich nicht! Wenn der Weltraum ta…

Weit hergeholt

Was man nicht besitzt, kann man auch nicht verlieren. Andere Menschen kann man nicht besitzen. Das eigene Leben auch nicht. Trotzdem ist der Abschied von beidem ein schmerzhafter Prozess. Wieso eigentlich, wenn man doch gar nichts zu verlieren hat? Vielleicht, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat, dass es sich anfühlt wie ein Besitz. Gefühlter Besitz und Phantom-Schmerz. Wenn man das Letztere vermeiden will, muss man sich von Ersterem freimachen. Dass das notwendig ist, erkennt man an den besitzanzeigenden Fürwörtern, die allgemein gebräuchlich sind: meine Freundin, mein Mann, mein Kind, mein Leben.

Wer geglaubt hat, dass ich jetzt tief schürfend werde, kennt mich aber schlecht. Man kann halt nicht aus seiner Haut. Ich sage ja auch "meine Wohnung", obwohl ich Mieter bin. Das Besitzergreifende scheint uns eben im Blut zu liegen. Eine weitere offensichtliche Illusion ist "mein Arbeitsplatz". Als ob es da irgendeinen besitzmäßigen Zusammenhang gäbe. Soweit kommt e…

Ich bleib dran

Wenn wir lieber und mehr zu Hause bleiben würden, gäbe es viele Probleme gar nicht. Es gäbe keinen Diesel-Skandal, keine kaputten Schulen und wahrscheinlich gäbe es auch keinen Krieg. Alle dieses Dinge sind nur entstanden, weil Menschen nicht stillsitzen können. Sie müssen herumturnen, Purzelbäume schlagen und schließlich wie Tischtennisbälle hin und her pendeln. Ich wollte damit Schluss machen. Einer für alle. Meine Wohnung ist groß genug für uns beide und auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln kann ich inzwischen organisieren, ohne das Haus zu verlassen. Ich wollte am Wochenende einen Testlauf starten. Ich kenne mich ein bisschen und weiß inzwischen, dass es nicht ganz ohne Zwangsmaßnahmen geht. Als ich am Freitag Abend nach Hause kam, schloss ich die Wohnungstür von innen ab und versteckte den Schlüssel an einem mir unbekannten Ort. Dann gab ich mich den üblichen Verrichtungen hin.

Am folgenden Morgen begann sich eine fixe Idee zu manifestieren: Seit Juni habe ich keinen Dauerla…

Kein Aufstand

Wegen der aggressiven Wildschweine ist es momentan zu gefährlich, in den Wald zu gehen. Außerdem könnte es passieren, dass einem ein Stück abgespaltenes Katalonien auf den Kopf fällt. Das muss man alles nicht haben. Das Leben ist so schon aufregend genug. Insgeheim bewundere ich die Katalanen natürlich für ihren Unabhängigkeitswillen. Bestünde das Volk der Katalanen überwiegend aus meinesgleichen, würden sie nicht weit kommen. Ich bin käuflich und in hohem Maße korrumpierbar. Meine Bequemlichkeit geht mir über alles. Meinem Gemüt nach hätte ich wahrscheinlich eher eine Pflanze oder noch besser ein Pilz werden sollen, als das, was ich nun mal bin. Leider kann man das nun nicht mehr ändern. Woher das mit der Bequemlichkeit kommt, ist schwer zu sagen. Ich vermute, es hängt mit meiner schweren Kindheit zusammen. Ich hatte schon zu einer Zeit Termine, als meine Altersgenossen genüsslich vor dem Fernseher herumlümmelten. Ich musste einen Kalender führen. Das war ein Accessoire, das übliche…

Viel Glück

Heute ist wieder Bundestag. Endlich! Bei all dem Durcheinander kommt wieder Ordnung ins Spiel. Und obwohl es dieses Mal so viele Abgeordnete gibt wie noch nie, bekommen alle einen Sitzplatz. Das war nicht immer so. Noch vor vier Jahren hieß es: „Die Große Koalition soll bis Weihnachten stehen.“ Das war gewissermaßen sehr anständig von der Regierung, damit alle anderen sitzen konnten. Diese Regierung ist ja immer noch im Amt und diesmal denkt sie aber nicht daran, aufzustehen. Das muss sie auch nicht, weil es fürs Erste genug Stühle gibt. Ob sich die neue Regierung, wenn sie denn irgendwann mal zustande kommt überhaupt erst hinsetzen sollte steht noch dahin. [^1] Besonders kompliziert zusammengesetzte Atomkerne neigen ja dazu, spontan zu zerfallen. Man kann mit der Halbwertzeit sogar berechnen, wann sie das tun. Ob sich das auf Regierungen übertragen lässt, die von einer Physikerin geleitet werden, kann man nicht wissen.

Wie man die Halbwertzeit der Regierungskoalition berechnen kann…

Überleben

Wenn man einem Gedanken, den man selbst schon mal hatte im Fernsehprogramm begegnet, ist das ein erhebendes Gefühl. Neulich habe ich bei Scobel gesehen beziehungsweise gehört, was ich hier schon mehrmals aufgeschrieben habe: Wir fliegen mit mehr als 100.000 Stundenkilometern durch den Weltraum; das Ziel ist ungewiss; die Ressourcen sind begrenzt; wir werden immer mehr und wollen den Anderen am liebsten den Schädel einschlagen; wieso verwenden wir ernsthaft Gedanken darauf, dieses Setting mit hohem Aufwand in Kleinformat zu kopieren? Wieso wollen wir unbedingt hier weg? Wieso verwenden wir nicht dieselbe Energie auf Erhaltung dieses Planeten? Schön! Ich habe mich sehr gefreut, dass das mal im Fernsehen gefragt wurde. Freilich gab es keine Antwort auf die Frage. Das macht aber nichts. Entscheidend ist, dass die Fragen gestellt werden. Einerseits möchte ich antworten, dass es nun mal nicht möglich ist. Wir können hier nicht weg. Aber das haben die Menschen auch gesagt, als sie an den Kü…

Herbstlied

Der Herbst macht alle Blätter bunt Sie fallen von den Bäumen Es wird jetzt früher dunkel Und du hast mehr Zeit zum Träumen.
Durch die kahlen Äste  Weht nun bald ein andrer Wind Die Zeit der frohen Feste  Geht vorbei. Der Herbst beginnt.
Dir geht‘s jetzt manchmal nicht so gut (Und nicht, weil ich dir fehle) Du brauchst jetzt jede Menge Mut Und Pflaster für die Seele.
Du brauchst jetzt jede Menge Kraft Und jede Menge Lieder Und endlich hast du es geschafft Und die Sonne - kommt wieder.

Die Natur schlägt zurück

Neuerdings habe ich Schwierigkeiten mit dem Verzehr von Gemüse. Ich kaufe Salat und Tomaten - und beobachte, wie es den Weg alles Irdischen nimmt. Essen kann ich davon nichts. Ich kann nur noch Fleisch essen. Das tut mir sehr leid, denn ich weiß, dass die Mengen, die ich auf diese Weise vertilge, nur unter Anwendung krimineller Machenschaften zu erzeugen sind. Den Preis dafür oder das Urteil darüber werden die mir nachfolgenden Generationen zu tragen haben. Sie werden mich zweifellos verfluchen. Ich weiß noch nicht, ob mir daraus einen Nachteil entsteht. Wahrscheinlich nicht. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Waran, der nur einmal im Jahr fressen muss. Wahrscheinlich ginge es mir unmittelbar nach dem Essen unglaublich schlecht, aber dann hätte ich elf Monate lang Ruhe. Außerdem fiele es mir leichter, mich selbst für moralisch integer zu halten, weil ich ja die meiste Zeit des Jahres nicht töten müsste.
Ich bekam einen Anruf, ob ich an einer Umfrage über mein Fernsehverhalten teilne…

Wie wir alles verlieren

Zu den am häufigsten rezitierten Mantren unserer Gegenwart gehört das Mantra von der Abwechslung. Alles muss abwechslungsreich sein: Die Ernährung, die Bewegung, jede menschliche Tätigkeit, das Leben überhaupt. Ohne Abwechslung ist alles nichts. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das sogar glauben. Glücklicherweise habe ich aber schon in relativ jungen Jahren erfahren, dass nur die Wiederholung das leisten kann, was die Abwechslung immer verspricht. Wiederholung schafft Sicherheit, Sicherheit macht selbstbewusst und Selbstbewusstsein macht einen stark und widerstandsfähig. Seit ich das weiß, bin ich Anhänger von Ritualen und Strukturen. Abwechslung soll gegen Langeweile helfen. Das tut sie auch wirkungsvoll, wenn mit Langeweile die Fähigkeit gemeint ist, sich eine lange Weile ein und derselben Sache zuzuwenden. Wenn mit Langeweile sinnentleerte Zeit gemeint ist, macht die Abwechslung noch mehr davon.  Ich hätte früher nie gedacht, dass es möglich ist, mit einem begrenzten Reper…

Bekümmert und getröstet

Die Sonne ist herrlich. Sie taucht alles in so wunderbares Licht. Die schweren Gedanken verschwinden und alles wird heiter und fröhlich. Sie zaubert ein Lächeln in grimmige, sorgenvolle und zerfurchte Gesichter, dass man fast einander begegnen möchte. Aber man weiß sich zu zügeln. Man denkt: Hinaus, nur hinaus! Dabei ist draußen alles, wie sonst auch, aber doch ist es anders. Die Sonne macht gute Laune und das Leben wird leicht und liebenswert. An solchen Tagen lieben wir die Sonne und verehren sie und wünschen uns noch näher zu ihr, als wir es ohnehin schon sind. Diese Zuneigung zur Sonne hat aber Grenzen. Schon wenn sie nur ein paar Wochen lang so weiter macht, werden wir ihrer schnell überdrüssig. Wir wollen Regen, sie soll verschwinden, es wird uns zu heiss und wir lechzen nach Abkühlung. Dann gibt es Orte auf diesem Planeten, wo die Sonne ganz und gar nicht geliebt wird. Man nennt sie dort „unbarmherzig" und „unerbittlich" und geht ihr aus dem Weg, wann immer es geht. 

Glück und Zufriedenheit

Mein Quartier befand sich in der Eisenbergerstraße in Bad Klosterlausnitz. Im Dachgeschoß eines Seitenflügels befinden sich dort ein paar Zimmer. Ich war spät dran und wollte meine Tür abschließen. Dabei fiel mir der Schlüssel runter. Das wäre nun nicht weiter tragisch gewesen. Man hebt den Schlüssel eben einfach wieder auf. Diesmal konnte ich den Schlüssel aber nicht aufheben, weil er nicht mehr da war. Er fiel runter - und war verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Ich merkte, wie ich ganz langsam meine Fassung verlor. In meiner Klasse war ein Junge, der bei ähnlichen Gelegenheiten immer weinte. Wir haben uns über ihn lustig gemacht. Jetzt verstand ich ihn. Ich wischte die Tränen ab und kniete mich auf den Fußboden. Es gibt eine wissenschaftstheroretische Regel, die besagt, dass eine Erklärung dann höchstwahrscheinlich die zutreffende ist, wenn sie auch die einfachste ist. Dass sich der Boden auftun und den Schlüssel verschlucken kann, wäre eine Erklärung. Eine andere Möglichkeit w…

Die Frage

Die Frage, warum wir noch keinen Zeitreisenden aus der Zukunft begegnet sind, dürfte seit dem 2.10.2017 als beantwortet gelten. An diesem Tag erschien in der amerikanischen Stadt Casper ein Mann, der aus dem Jahr 2048 stammte und uns vor einer außerirdischen Invasion waren sollte. Der Mann konnte nicht anständig befragt oder untersucht werden, weil er total betrunken war. Und da haben wir den Grund für das unbemerkt-Bleiben der Zeitreisenden: Zeitreisen können oder dürfen offenbar nur im Zustand der Volltrunkenheit durchgeführt werden. Am Ankunftstag glaubt ihnen dann keiner und am nächsten Tag glauben es die Reisenden selbst nicht mehr, wen sie sich überhaupt noch an etwas erinnern. Die Tarnung ist perfekt. Diesmal ist nur insofern etwas schief gegangen, als dass der Mann ein Jahr zu weit gereist ist. Er sollte eigentlich 2018 ankommen. Dass ist deswegen blöd, weil es in diesem Jahr eben noch keinen „Präsidenten" in Casper gibt, mit dem er dringend sprechen wollte. Nächstes Jahr…

One way

Vor etwa 135 Millionen Jahren spaltete sich Gondwana von Laurasia ab. Gondwana trieb in der Folge nach Süden, während Laurasia nach Norden wanderte. Auf seinem Weg teilte es sich dann in Nord- und Südamerika sowie Eurasien. Weil die Erde annähernd kugelförmig ist, wird alles letzten Endes wieder irgendwo zusammenstoßen. Das ist der Lauf der Welt. Normalerweise geht das alles so vor sich, dass diese Vorgänge dem einzelnen Gehirn verborgen bleiben. Gehirne schauen aus ihren Fenstern auf ihre Welt und denken, sie bewegt sich gar nicht. Sie bewegt sich aber doch. Man kann sich das etwa so vorstellen, wie den Bau eines Flughafens. Als Zeitzeuge denkt man vielleicht: Donnerwetter! Da passiert ja gar nichts! Aber so ein Flughafen entsteht nun mal in der Geschwindigkeit, in der Fingernägel wachsen. Und das ist gut so. Mit dem Bau des Kölner Doms wurde 1248 begonnen. 1868 war er immer noch nicht fertig! Eine Bauruine, deren Abriss von Ungeduldigen immer wieder erwogen wurde. Das ist aber zu ku…