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Es werden Posts vom 2017 angezeigt.

Kein Plan

Manchmal möchte ich gern in der Stadt wohnen. Ein bisschen erhöht, vielleicht im 2. Stock über einer schönen Einkaufsstraße. In so einer Erkerwohnung mit Blick nach mehreren Seiten. Besonders in der Weihnachtszeit ist dieser Wunsch sehr stark. Ich würde am Fenster sitzen und auf das bunte Gewimmel blicken. Es müsste natürlich auch in einer Fußgängerzone sein. Idealerweise schneit es noch und die Menschen haben alle bunte Päckchen und Pakete unterm Arm. Stattdessen wohne ich in einem Dorf mit Regionalbahnanschluss und gucke auf eine Landstraße. Das ist auch schön. Zurzeit fahren viele Autos vorbei, die sich Weihnachtsbäume auf das Dach gebunden haben. Ein schöner Brauch. Schnee liegt nicht und es fällt auch keiner, was sich aber zu dieser Jahreszeit schnell ändern kann.

Veränderungen fühlen sich immer dann unangenehm an, wenn man sich gerade eingerichtet hat, wobei einem dann dämmert, dass es so nicht bleiben wird. Dann bekommt man ein bisschen schlechte Laune. Eigentlich wäre es sch…

Advent

Leider bin ich in diesem Jahr mit der Adventsdeko ein bisschen in Verzug geraten. Weder bin ich schon dazu gekommen, Fenster und Balkon kunstvoll zu illuminieren, noch habe ich ein nach der Kirchenjahreszeit benanntes Kranzgebinde aufgestellt. Ich hoffe, dass ich das noch nachholen kann. Immerhin habe ich aber einen Türchenkalender geschenkt bekommen und kann nun jeden Tag eins aufmachen. So ein Adventskalender funktionierte übrigens auch mit einfachen kleinen Bildchen, ohne irgendwas besonderes. Es war trotzdem spannend. Ich glaube irgendwann hat meine Mutter mal einen wiederverwendbaren mit lauter beklebten Streichholzschachteln gebastelt, in die sie dann Süßigkeiten hineinsteckte. Ich habe jetzt den digitalen Adventskalender von Türchen.com, bis gestern mit Musikvideos. Am Wochenende besuchte ich meinen Vater und wir öffneten am Frühstückstisch das zehnte Türchen. Vier reizende junge Damen spielten als Streichquartett den Kanon von Pachelbel. Ich setzte ein verklärtes Gesicht auf …

Nur eins ist geblieben

Die Lieferdienste haben es auch nicht leicht. Erpressungen, Drohungen und nicht zuletzt die Kunden! Wenn die ganzen Kunden nicht wären, könnte so ein Lieferdienst ganz in Ruhe seine Arbeit machen. Nur wegen der Kunden entsteht der ganze Stress. Das ist eigentlich in der ganzen Arbeitswelt so. Im Krankenhaus stören die Patienten, bei Versicherungen die Versicherten und im Einzelhandel auch wieder die Kunden. Alle wollen sie irgendwas und dann immer das Falsche zum falschen Zeitpunkt. Das ist der Lauf der Welt und leider nicht zu ändern. Ich habe mir zum Weihnachtsfest ein neues Wohnzimmerradio bestellt. Der Verkäufer wusste, wie er mit Kunden umgehen muss und schickte es sofort los, damit er seine Ruhe hat und sein Geld behalten kann. Dann kam der Lieferdienst ins Spiel. Diesmal war es DPD. Ich bekam eine Email mit einem Knopf zur Paketverfolgung. Die verlinkte Internetseite nannte mir den Tag und sogar die Stunde, wann das Paket zugestellt würde.

Auf der Seite gab es wiederum ein Kn…

Ich glaube

Wir wurden alle von einer Mutter geboren. Jedenfalls, wenn wir einen Bauchnabel haben. Unmittelbar danach haben wir dann die verschiedensten Erfahrungen gemacht und an keine von ihnen können wir uns erinnern. So manche Seele wurde schlimm verletzt und für ihr Leben gezeichnet, viele erlebten Wärme und Geborgenheit. Wir haben aber alle immer wieder erlebt, wie der Kontakt zur lebensnotwendigen Mutter abbrach und wie uns Angst, Verzweiflung und Wut überfluteten. Wenn alles gut ging, dauerte dieses Verlassen-Sein nie lange und die Mama war wieder da mit ihrer Stimme, ihrem Geruch, ihrer Wärme und ihrem Herzschlag. Aber das Gefühl des Verlassen-Werdens bleibt und geht nie mehr weg. Die Reaktion darauf passt aber später nicht mehr zu den Situationen, durch die es ausgelöst wird. Darum ist es so wichtig, dieses Gefühl bei sich selbst genau zu kennen und wahrnehmen zu können. Denn nur dann, kann man es durchschauen und schließlich beherrschen. Dafür braucht man seinen Verstand.

Die materiel…

Es sei denn Liebe

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das anfing, aber irgendwann war ich der Meinung, Gefühle wären nur etwas für Mädchen und auch die würden sie sich nur einbilden. Ich hatte keine. Ich war in der Pubertät (oder zumindest in dem entsprechenden Alter) und ich war Dressur- und Springreiter. Das war ein Mädchensport und ich bekam immer die bockigen Pferde. Wenn ich in die Pfütze fiel, stand ich eben wieder auf, fing mein Pferd ein und stieg wieder auf. Jana sagte mir dann einmal, dass ich immer so cool aussehe, als ob ich niemals Angst hätte. Das hat mir sehr gefallen und ich konnte auch wirklich keine Angst mehr fühlen. Nicht dass ich keine Befürchtungen gehabt hätte, was alles nicht klappen könnte - aber das Gefühl der Angst war weg. Oder besser: ich konnte es nicht wahrnehmen. Genauso war es mit Glück und Trauer, Stolz und Freude, Wärme und Zuneigung und was das Leben sonst noch alles reich machen kann. Ich hatte mir das abgewöhnt und fing lieber an zu rauchen und zu trinken, weil …

Alt wie ein Stein

Die aktuellen Zeitläufte bieten gerade nicht so viel Schreibstoff, will man nicht in das aufgeregt besorgt-mahnende Gemurmel einstimmen. Darum gebe ich mich wieder der Erinnerung hin. Eine, die sich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt eingestellt hat, war die, dass ich als Kind gerne alt sein wollte. Wäre eine gute Fee gekommen und hätte mir die ewige Kindheit geschenkt - ich hätte mich in meinem Akkordeonkoffer zusammengerollt und den Deckel zugeklappt. Nein, Kindsein war damals wirklich nichts für mich. Ich wollte lieber erwachsen sein und sehr gerne auch alt. Meine Urgroßmutter war zum Beispiel alt. Sie verbrachte die Vormittage vor einem großen Spiegel und ordnete ihr schütteres Haar. Dann machte sie sich in der Küche zu schaffen und zerkochte Kaninchen, Hühner und ähnliches Hof-Getier zu lutschbarer Konsistenz. Mir gefiel das gut.

Wenn ich mich sehr genau beobachte, kann ich feststellen: ich arbeite zurzeit genau darauf hin. Der einzige Unterschied ist noch, dass kein Enke…

Nichts als Musik

Musik ist eigentlich Bewegung. Bewegung ist Musik, die man (noch) nicht hört. Ohne Bewegung kann man keine Musik machen. Das gilt auch für Musik auf Tonträgern. Bei der Schallplatte bewegt sich noch ganz viel. Wenn man die Abtastnadel vergrößern könnte, würde einem bestimmt schwindelig davon, wie sie in der Rille tanzt. Bei CD’s und Magnetbändern dreht sich wenigstens noch etwas, aber es ist schon keine richtige Bewegung mehr drin. MP3-Player, Smartphones und Tablets sind aber auf der einen Seite absolut bewegungsfrei. Auf der anderen Seite bewegt sich immerhin noch eine Lautsprechermembran. Ich könnte nicht sagen, dass es schlechter klingt, aber irgendwas ist anders. Es mag ein bisschen Nostalgie drinstecken, aber Vinyl ist nicht zuletzt wegen der Bewegung wiedergekommen. Es ist sicher möglich, akustische Erlebnisse direkt ins Gehirn einzuspeisen. Dann braucht sich überhaupt nichts mehr zu bewegen. Das wäre dann das Ende der Musik. Dann könnten wir akustische Phänomene wie ein Compu…

Der gute Hirte

Jetzt ist es soweit! Ich finde meine eigenen Texte nicht mehr. Ich bin auf der Suche nach der Geschichte, die mit einem Brathering begann und mit dem Zusammenbruch des Versandhauses Quelle endete. Sie ist weg. Aber da es sich - wie bei allen Geschichten die ich schreibe - um eine wahre Geschichte handelt, kriege ich sie auch noch so zusammen. Also, ich wollte nicht mehr im Betriebsrestaurant essen, weil sie dort dynamitgefischten Brathering aufgetischt hatten und suchte nach einer Alternative. Ich war bereit, die Zubereitung meines Essens selbst zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit wohnte ich aber sehr abgelegen und besaß kein eigenes Kraftfahrzeug, um wenigstens die rudimentärsten Zutaten einzukaufen. Alle Lieferdienste winkten damals noch ab. Außer Bofrost. Als die erste Lieferung kam, merkte ich, dass ich ein Tiefkühlgerät benötigte und keins hatte. Ich bestellte eins bei Quelle, das dann nicht bei mir ankam.

Nach einigen Nachforschungen wurde mir mitgeteilt, dass mein Betreuer das…

Die Schildbürger

Vierhundert Kilometer über unseren Köpfen fliegen ständig sechs Menschen um die Erde herum. Sie bilden die Besatzung der Internationalen Raumstation. In zehn Kilometer Höhe sind es schon eine Million Menschen, die ständig gleichzeitig in der Luft sind. Sie sitzen in Flugzeugen und fliegen von irgendwo nach irgendwo. Genau genommen könnten sie also auch unten auf dem Boden bleiben, aber da laufen schon mehrere Milliarden herum. Wie viele davon ständig auf dem Wasser oder unter Wasser sind, weiß ich jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht so viele, wie die, die durch die Luft fliegen. Das ist äußerst erstaunlich, denn der Mensch ist eigentlich nicht für das durch die Luft fliegen gemacht. Er tut es trotzdem. Aber wer weiß, wie lange noch. Das Ende ist schon abzusehen. Schon in fünfzig Jahren wird man sich wahrscheinlich fragen, wie sie es damals fertiggekriegt haben, einen Flughafen zu bauen. Genau, wie wir heute nicht wissen, wie sie Pyramiden gebaut haben. Es ist ein Rätsel.

Man wird auch…

Wer‘s glaubt

Unser Lebensgefühl unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem der Menschen vor 500 Jahren. Das kann man im zu Ende gehenden Lutherjahr noch mal schreiben. Die Menschen lebten in dem Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kannten, vor die Hunde geht und vor allem, dass sie Schuld daran waren. Das kam nämlich alles wegen der Sünde, wegen der Schlechtigkeit in der sie ihr Leben lebten. Darum mussten sie ins Fegefeuer. Das wollte natürlich keiner und darum haben sie nach jedem Strohhalm gegriffen, der sich ihnen bot: Buße, Ablass, Opfer, Sündenböcke. Luther hat immerhin erkannt, dass das so nicht funktionieren kann. Er hat sich mit der Frage sehr gequält: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wir wissen heute auch, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor die Hunde geht. Nur nach einem gnädigen Gott fragt heute keiner mehr. Vielleicht ist das der Unterschied?

In der Tat. Wenn man sich bewußt macht, dass es keine philosophische oder theologische Frage war. Es war eine existenzielle Frage. Ihr A…

Schlüssel und Schloss

Alles hat seinen Ort und alles hat seine Bedeutung. Manchmal tun wir Dinge, die überhaupt nicht in die Situation passen, die wir oder die anderen gerade erleben. Eigentlich passiert uns das aber nur in früheren Phasen unserer Entwicklung. Als Erwachsene funktionieren wir so gut, dass wir uns adäquat verhalten können. Zum Beispiel singen wir nicht mitten in einer Sitzung plötzlich die Arie der Königin der Nacht. Grotesk wird es, wenn jemand nur noch zwei sehr hohe Töne aus dieser Arie singt, aber das immer wieder und ständig. Das ist auch nicht mehr sozialverträglich. Außerdem ist es nicht mehr als Teil dieser Arie zu erkennen, auch für den Sänger / die Sängerin nicht. Es ist ein großer Glücksfall, wenn es gelingt, das Verhalten und die passende Situation wieder zusammenzubringen. 
Ich habe noch eine Schul-Beurteilung in der steht, ich müsse noch lernen, meine Späße im richtigen Moment wirken zu lassen. Ich weiß nicht genau, ob ich es gelernt habe. Es ist ganz schön schwer, weil Situa…

Singen statt sülzen

Die Anschaffung des großen Bettes hat sich wirklich gelohnt. Es sollte mir ja den Lebensabend erleichtern und versüßen, aber irgendwie kam ich von der Bettflucht nicht los, die mich nie sehr lange auf den weichen Matten verweilen ließ. Erst fand ich abends nicht hinein und dann lag ich wach, lange bevor der Morgen graute. Tagsüber war mit mir nichts anzufangen. Seit meinem Glücks-Fall am 1. Juli hat sich das grundlegend verändert. Bereits mit Einbruch der Dämmerung am frühen Nachmittag setzt geradezu unstillbares Gähnen ein, das mich zwingt, meine Schritte in die Richtung meiner Wohnhöhle zu lenken, um sie zu erreichen, bevor mir die Augen zufallen. Idealerweise habe ich dann schon meine Lagerstatt erklommen und liege ausgestreckt wie ein leerer Sack auf dem Rücken. Bei der Verweildauer im Bett habe ich gerade einen neuen Rekord aufgestellt: 10 Stunden 35 Minuten. Natürlich schlafe ich nicht die ganze Zeit. Gefühlt mache ich kein Auge zu. Aber anders als früher, kann ich vom ausgestr…

Ein Glück

Als Kind hatte ich überhaupt kein Geld. Gar nichts. Niente. Rien. Nada. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mir gefehlt hätte. Irgendwann bekam ich „Taschengeld“, allerdings nur aus pädagogischen Gründen, wie mir erklärt wurde. Ich sollte den Umgang mit diesem zwar nutzlosen, jedoch gesellschaftlich notwendigen Accessoire erlernen. Zunächst bekam ich dreißig Pfennige im Monat, deren Eingang und Ausgang ich in einem eigens dafür angelegten Oktavheft zu dokumentieren hatte. Mein Bruder bekam - glaube ich - eine Mark. Mir war das egal, weil ich auch mit einer Mark nichts weiter anzufangen wusste. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis zu Geld prädestinierte mich schließlich zum Essengeldkassierer meiner Schulklasse. Hier fand ich tatsächlich meine wahre Bestimmung: Ich konnte zählen, buchführen, herausgeben und abrechnen. Aufgrund ihres geringen Volumens war das mit meiner Privatschatulle bisher nicht möglich gewesen. Jetzt verstand ich endlich, was man mit Geld alles anfangen ko…

Immer näher

Die Pyramiden sind ein großes Rätsel. Wer hat sie gebaut und wie? Und vor allem warum? Keiner weiß was, nirgendwo steht was. Nur die Pyramiden sind da. Wie sich jetzt herausgestellt hat, sind sie aber hohl. Jedenfalls hohler, als man gedacht hat. Was hat das alles nur zu bedeuten? Ich habe jetzt durch jahrelanges Nachdenken herausgefunden, was es mit den Pyramiden auf sich hat. Es ist gar nicht so spektakulär und es hat auch nicht richtig funktioniert. Es war nämlich so: Vor sehr langer Zeit waren die Menschen auch schon ganz schön schlau. Sie sind eigentlich in der Zeit, in der sie in Zivilisationen und Kulturen leben überhaupt nicht schlauer geworden. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher. Wie dem auch sei, jedenfalls hatten die Menschen auch vor 10.000 Jahren schon eine Idee davon, dass sie auf einem kugeligen Planeten herumkriechen, der seine Energie von einem eher mittelgroßen Stern bekommt. Es ist nur die Frage, wie verbreitet diese Ideen waren. Man war vielleicht eher knause…

Die Stunde der Delfine

Die Zahnpasta ist alle. Schon seit einer Woche. Natürlich könnte ich einfach neue kaufen. Ich besuche zwei- bis dreimal in der Woche einen riesengroßen Einkaufsladen. Obwohl er bis 21:00 Uhr geöffnet hat, muss man sich ranhalten, weil man ihn aufgrund einer ausgeklügelten Logistik einmal ganz durchqueren muss, selbst, wenn man nur Zahnpasta kaufen will. Empfindsame Gemüter wie ich geraten dabei leicht in Stress, kaufen, was sie kriegen können und vergessen darüber die Zahnpasta. Dahinter steht natürlich planvolle Absicht, die bis in die Architektur der Zahnpastatube durchdacht ist. Denn wie oft kauft man schon Zahnpasta? Alle zwei Monate? Das hält kein Markt aus. Darum sind die Zahnpastatuben so konstruiert, dass sie auch, wenn sie leer zu sein scheinen, nicht leer sind. Man kriegt immer noch was raus! Ich stelle zwar jedes Mal fest, dass ich wieder die Zahnpasta vergessen habe, aber das macht gar nichts. Eine leere Bierflasche verhält sich nicht so.

Eigentlich ist das schade. Käme …

Klang der Klingel

Es ist soweit. Die Kinderbanden sind unterwegs. Früher bin ich an diesem Tag einfach abgehauen, an Orte wo es keine Kinder gibt. Das ist mir heute zu aufwändig. Also lösche ich das Licht und sitze stundenlang im Dunkeln. Ich vertreibe mir die Zeit damit, mir das Geräusch der Wohnungsklingel vorzustellen, denn sie wird nur an diesem einen Tag im Jahr von den Kinderbanden benutzt. Anständige Menschen klingeln nicht bei mir. Sie rufen an oder schreiben Nachrichten und dann treffen wir uns. Wenn die Klingel dann losgeht, bekomme ich einen riesigen Schreck. Ein Mordsschreck ist das, geradezu ein Ur-Schreck. Übelst! Wenn ich mich davon erholt habe, habe ich meistens wieder vergessen, wie das Geräusch nun wirklich klang. Aber das ist nicht weiter schlimm, es kommt ja noch ein paar Mal an diesem Abend.

Natürlich habe ich nichts gegen Kinder. Ich liebe sie. Nur wenn sie in Banden auftreten, machen sie mir Angst. Als ich noch jünger war, fuhr ich mal als Betreuer in ein Kinderferienlager nach…

Sternengucker

Die Raumsonde Voyager 1 ist das am weitesten entfernte menschliche Artefakt. Man geht davon aus, dass sie inzwischen den Rand des Sonnensystems passiert hat und sich im interstellaren Raum befindet. Dort wird ihr demnächst die Energie für ihre wissenschaftlichen Gerätschaften ausgehen. In 40.000 Jahren wird sie dann nur noch 1,6 Lichtjahre von Gliese 445 entfernt sein. Gliese 445 ist ein roter Zwerg und zurzeit noch rund 17 Lichtjahre von uns entfernt. Er kommt aber mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu, so dass er in 40.000 Jahren nur noch 3,45 Lichtjahre entfernt ist. Wenn man also nur ein bisschen abwarten kann, kommt der Berg auch irgendwann zu Propheten. Oder, wenn man so will, der Zwerg zum Planeten. Aber Abwarten gehört hierzulande nicht zu den bekannten und geübten Kulturtechniken. Also haben wir vor 40 Jahren dieses arme Ding in den Weltraum geschossen, nur damit es irgendwann höchstwahrscheinlich im Nichts verschwindet. Aber das weiß man natürlich nicht! Wenn der Weltraum ta…

Weit hergeholt

Was man nicht besitzt, kann man auch nicht verlieren. Andere Menschen kann man nicht besitzen. Das eigene Leben auch nicht. Trotzdem ist der Abschied von beidem ein schmerzhafter Prozess. Wieso eigentlich, wenn man doch gar nichts zu verlieren hat? Vielleicht, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat, dass es sich anfühlt wie ein Besitz. Gefühlter Besitz und Phantom-Schmerz. Wenn man das Letztere vermeiden will, muss man sich von Ersterem freimachen. Dass das notwendig ist, erkennt man an den besitzanzeigenden Fürwörtern, die allgemein gebräuchlich sind: meine Freundin, mein Mann, mein Kind, mein Leben.

Wer geglaubt hat, dass ich jetzt tief schürfend werde, kennt mich aber schlecht. Man kann halt nicht aus seiner Haut. Ich sage ja auch "meine Wohnung", obwohl ich Mieter bin. Das Besitzergreifende scheint uns eben im Blut zu liegen. Eine weitere offensichtliche Illusion ist "mein Arbeitsplatz". Als ob es da irgendeinen besitzmäßigen Zusammenhang gäbe. Soweit kommt e…

Ich bleib dran

Wenn wir lieber und mehr zu Hause bleiben würden, gäbe es viele Probleme gar nicht. Es gäbe keinen Diesel-Skandal, keine kaputten Schulen und wahrscheinlich gäbe es auch keinen Krieg. Alle dieses Dinge sind nur entstanden, weil Menschen nicht stillsitzen können. Sie müssen herumturnen, Purzelbäume schlagen und schließlich wie Tischtennisbälle hin und her pendeln. Ich wollte damit Schluss machen. Einer für alle. Meine Wohnung ist groß genug für uns beide und auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln kann ich inzwischen organisieren, ohne das Haus zu verlassen. Ich wollte am Wochenende einen Testlauf starten. Ich kenne mich ein bisschen und weiß inzwischen, dass es nicht ganz ohne Zwangsmaßnahmen geht. Als ich am Freitag Abend nach Hause kam, schloss ich die Wohnungstür von innen ab und versteckte den Schlüssel an einem mir unbekannten Ort. Dann gab ich mich den üblichen Verrichtungen hin.

Am folgenden Morgen begann sich eine fixe Idee zu manifestieren: Seit Juni habe ich keinen Dauerla…

Kein Aufstand

Wegen der aggressiven Wildschweine ist es momentan zu gefährlich, in den Wald zu gehen. Außerdem könnte es passieren, dass einem ein Stück abgespaltenes Katalonien auf den Kopf fällt. Das muss man alles nicht haben. Das Leben ist so schon aufregend genug. Insgeheim bewundere ich die Katalanen natürlich für ihren Unabhängigkeitswillen. Bestünde das Volk der Katalanen überwiegend aus meinesgleichen, würden sie nicht weit kommen. Ich bin käuflich und in hohem Maße korrumpierbar. Meine Bequemlichkeit geht mir über alles. Meinem Gemüt nach hätte ich wahrscheinlich eher eine Pflanze oder noch besser ein Pilz werden sollen, als das, was ich nun mal bin. Leider kann man das nun nicht mehr ändern. Woher das mit der Bequemlichkeit kommt, ist schwer zu sagen. Ich vermute, es hängt mit meiner schweren Kindheit zusammen. Ich hatte schon zu einer Zeit Termine, als meine Altersgenossen genüsslich vor dem Fernseher herumlümmelten. Ich musste einen Kalender führen. Das war ein Accessoire, das übliche…

Viel Glück

Heute ist wieder Bundestag. Endlich! Bei all dem Durcheinander kommt wieder Ordnung ins Spiel. Und obwohl es dieses Mal so viele Abgeordnete gibt wie noch nie, bekommen alle einen Sitzplatz. Das war nicht immer so. Noch vor vier Jahren hieß es: „Die Große Koalition soll bis Weihnachten stehen.“ Das war gewissermaßen sehr anständig von der Regierung, damit alle anderen sitzen konnten. Diese Regierung ist ja immer noch im Amt und diesmal denkt sie aber nicht daran, aufzustehen. Das muss sie auch nicht, weil es fürs Erste genug Stühle gibt. Ob sich die neue Regierung, wenn sie denn irgendwann mal zustande kommt überhaupt erst hinsetzen sollte steht noch dahin. [^1] Besonders kompliziert zusammengesetzte Atomkerne neigen ja dazu, spontan zu zerfallen. Man kann mit der Halbwertzeit sogar berechnen, wann sie das tun. Ob sich das auf Regierungen übertragen lässt, die von einer Physikerin geleitet werden, kann man nicht wissen.

Wie man die Halbwertzeit der Regierungskoalition berechnen kann…

Überleben

Wenn man einem Gedanken, den man selbst schon mal hatte im Fernsehprogramm begegnet, ist das ein erhebendes Gefühl. Neulich habe ich bei Scobel gesehen beziehungsweise gehört, was ich hier schon mehrmals aufgeschrieben habe: Wir fliegen mit mehr als 100.000 Stundenkilometern durch den Weltraum; das Ziel ist ungewiss; die Ressourcen sind begrenzt; wir werden immer mehr und wollen den Anderen am liebsten den Schädel einschlagen; wieso verwenden wir ernsthaft Gedanken darauf, dieses Setting mit hohem Aufwand in Kleinformat zu kopieren? Wieso wollen wir unbedingt hier weg? Wieso verwenden wir nicht dieselbe Energie auf Erhaltung dieses Planeten? Schön! Ich habe mich sehr gefreut, dass das mal im Fernsehen gefragt wurde. Freilich gab es keine Antwort auf die Frage. Das macht aber nichts. Entscheidend ist, dass die Fragen gestellt werden. Einerseits möchte ich antworten, dass es nun mal nicht möglich ist. Wir können hier nicht weg. Aber das haben die Menschen auch gesagt, als sie an den Kü…

Herbstlied

Der Herbst macht alle Blätter bunt Sie fallen von den Bäumen Es wird jetzt früher dunkel Und du hast mehr Zeit zum Träumen.
Durch die kahlen Äste  Weht nun bald ein andrer Wind Die Zeit der frohen Feste  Geht vorbei. Der Herbst beginnt.
Dir geht‘s jetzt manchmal nicht so gut (Und nicht, weil ich dir fehle) Du brauchst jetzt jede Menge Mut Und Pflaster für die Seele.
Du brauchst jetzt jede Menge Kraft Und jede Menge Lieder Und endlich hast du es geschafft Und die Sonne - kommt wieder.

Die Natur schlägt zurück

Neuerdings habe ich Schwierigkeiten mit dem Verzehr von Gemüse. Ich kaufe Salat und Tomaten - und beobachte, wie es den Weg alles Irdischen nimmt. Essen kann ich davon nichts. Ich kann nur noch Fleisch essen. Das tut mir sehr leid, denn ich weiß, dass die Mengen, die ich auf diese Weise vertilge, nur unter Anwendung krimineller Machenschaften zu erzeugen sind. Den Preis dafür oder das Urteil darüber werden die mir nachfolgenden Generationen zu tragen haben. Sie werden mich zweifellos verfluchen. Ich weiß noch nicht, ob mir daraus einen Nachteil entsteht. Wahrscheinlich nicht. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Waran, der nur einmal im Jahr fressen muss. Wahrscheinlich ginge es mir unmittelbar nach dem Essen unglaublich schlecht, aber dann hätte ich elf Monate lang Ruhe. Außerdem fiele es mir leichter, mich selbst für moralisch integer zu halten, weil ich ja die meiste Zeit des Jahres nicht töten müsste.
Ich bekam einen Anruf, ob ich an einer Umfrage über mein Fernsehverhalten teilne…

Wie wir alles verlieren

Zu den am häufigsten rezitierten Mantren unserer Gegenwart gehört das Mantra von der Abwechslung. Alles muss abwechslungsreich sein: Die Ernährung, die Bewegung, jede menschliche Tätigkeit, das Leben überhaupt. Ohne Abwechslung ist alles nichts. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das sogar glauben. Glücklicherweise habe ich aber schon in relativ jungen Jahren erfahren, dass nur die Wiederholung das leisten kann, was die Abwechslung immer verspricht. Wiederholung schafft Sicherheit, Sicherheit macht selbstbewusst und Selbstbewusstsein macht einen stark und widerstandsfähig. Seit ich das weiß, bin ich Anhänger von Ritualen und Strukturen. Abwechslung soll gegen Langeweile helfen. Das tut sie auch wirkungsvoll, wenn mit Langeweile die Fähigkeit gemeint ist, sich eine lange Weile ein und derselben Sache zuzuwenden. Wenn mit Langeweile sinnentleerte Zeit gemeint ist, macht die Abwechslung noch mehr davon.  Ich hätte früher nie gedacht, dass es möglich ist, mit einem begrenzten Reper…

Bekümmert und getröstet

Die Sonne ist herrlich. Sie taucht alles in so wunderbares Licht. Die schweren Gedanken verschwinden und alles wird heiter und fröhlich. Sie zaubert ein Lächeln in grimmige, sorgenvolle und zerfurchte Gesichter, dass man fast einander begegnen möchte. Aber man weiß sich zu zügeln. Man denkt: Hinaus, nur hinaus! Dabei ist draußen alles, wie sonst auch, aber doch ist es anders. Die Sonne macht gute Laune und das Leben wird leicht und liebenswert. An solchen Tagen lieben wir die Sonne und verehren sie und wünschen uns noch näher zu ihr, als wir es ohnehin schon sind. Diese Zuneigung zur Sonne hat aber Grenzen. Schon wenn sie nur ein paar Wochen lang so weiter macht, werden wir ihrer schnell überdrüssig. Wir wollen Regen, sie soll verschwinden, es wird uns zu heiss und wir lechzen nach Abkühlung. Dann gibt es Orte auf diesem Planeten, wo die Sonne ganz und gar nicht geliebt wird. Man nennt sie dort „unbarmherzig" und „unerbittlich" und geht ihr aus dem Weg, wann immer es geht. 

Glück und Zufriedenheit

Mein Quartier befand sich in der Eisenbergerstraße in Bad Klosterlausnitz. Im Dachgeschoß eines Seitenflügels befinden sich dort ein paar Zimmer. Ich war spät dran und wollte meine Tür abschließen. Dabei fiel mir der Schlüssel runter. Das wäre nun nicht weiter tragisch gewesen. Man hebt den Schlüssel eben einfach wieder auf. Diesmal konnte ich den Schlüssel aber nicht aufheben, weil er nicht mehr da war. Er fiel runter - und war verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Ich merkte, wie ich ganz langsam meine Fassung verlor. In meiner Klasse war ein Junge, der bei ähnlichen Gelegenheiten immer weinte. Wir haben uns über ihn lustig gemacht. Jetzt verstand ich ihn. Ich wischte die Tränen ab und kniete mich auf den Fußboden. Es gibt eine wissenschaftstheroretische Regel, die besagt, dass eine Erklärung dann höchstwahrscheinlich die zutreffende ist, wenn sie auch die einfachste ist. Dass sich der Boden auftun und den Schlüssel verschlucken kann, wäre eine Erklärung. Eine andere Möglichkeit w…

Die Frage

Die Frage, warum wir noch keinen Zeitreisenden aus der Zukunft begegnet sind, dürfte seit dem 2.10.2017 als beantwortet gelten. An diesem Tag erschien in der amerikanischen Stadt Casper ein Mann, der aus dem Jahr 2048 stammte und uns vor einer außerirdischen Invasion waren sollte. Der Mann konnte nicht anständig befragt oder untersucht werden, weil er total betrunken war. Und da haben wir den Grund für das unbemerkt-Bleiben der Zeitreisenden: Zeitreisen können oder dürfen offenbar nur im Zustand der Volltrunkenheit durchgeführt werden. Am Ankunftstag glaubt ihnen dann keiner und am nächsten Tag glauben es die Reisenden selbst nicht mehr, wen sie sich überhaupt noch an etwas erinnern. Die Tarnung ist perfekt. Diesmal ist nur insofern etwas schief gegangen, als dass der Mann ein Jahr zu weit gereist ist. Er sollte eigentlich 2018 ankommen. Dass ist deswegen blöd, weil es in diesem Jahr eben noch keinen „Präsidenten" in Casper gibt, mit dem er dringend sprechen wollte. Nächstes Jahr…

One way

Vor etwa 135 Millionen Jahren spaltete sich Gondwana von Laurasia ab. Gondwana trieb in der Folge nach Süden, während Laurasia nach Norden wanderte. Auf seinem Weg teilte es sich dann in Nord- und Südamerika sowie Eurasien. Weil die Erde annähernd kugelförmig ist, wird alles letzten Endes wieder irgendwo zusammenstoßen. Das ist der Lauf der Welt. Normalerweise geht das alles so vor sich, dass diese Vorgänge dem einzelnen Gehirn verborgen bleiben. Gehirne schauen aus ihren Fenstern auf ihre Welt und denken, sie bewegt sich gar nicht. Sie bewegt sich aber doch. Man kann sich das etwa so vorstellen, wie den Bau eines Flughafens. Als Zeitzeuge denkt man vielleicht: Donnerwetter! Da passiert ja gar nichts! Aber so ein Flughafen entsteht nun mal in der Geschwindigkeit, in der Fingernägel wachsen. Und das ist gut so. Mit dem Bau des Kölner Doms wurde 1248 begonnen. 1868 war er immer noch nicht fertig! Eine Bauruine, deren Abriss von Ungeduldigen immer wieder erwogen wurde. Das ist aber zu ku…